Ein Buch mit Geschichte

Hattet ihr mal ein ganz besonderes Erlebnis mit einem Buch? Oder eine ganz einzigartige Verbindung zu irgendeinem bestimmten Buch? So ein Erlebnis, das man nie vergisst, ein Buch, das eine_n ganz besonders prägt, mitnimmt, das im Gedächtnis bleibt, das besonders schön oder dramatisch oder intensiv war?
Ich hatte solche Begegnungen mit Büchern schon an einigen Punkten in meinem Leben und ich will heute über eine schreiben, die mich in letzter Zeit ziemlich herumgetrieben hat und die auch noch nicht an ihr Ende gekommen zu sein scheint.

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Die Geschichte beginnt vor einigen Jahren, als ich in der zehnten oder elften Klasse war und meine Nachmittage oft in der Stadtbibliothek am Gasteig verbrachte. Ich lernte dort manchmal, allerdings war ich größtenteils dort, weil ich es genoss, etwas länger als notwendig in der Stadt zu bleiben, nicht zuhause zu sein und mich stattdessen zwischen Bücherregalen zu verkriechen. Damals kannte ich die Bibliothek und ihren Inhalt nahezu auswendig, wusste, wo welche Themenbereiche zu finden waren, wo meine Lieblingsbücher standen und wo sich die wirklich schönen Leseecken befanden.

Zu der Zeit ging es mir nicht besonders gut, da waren depressive Schübe und Phasen, da waren Hormone, die Dramen einer Jugend und das ständige Gefühl, trotz Freund_innen und Familie einsam zu sein. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Gefühl des Alleinseins und dem der Einsamkeit, das ist wichtig zu wissen. Einsamkeit ist absolut, Einsamkeit kommt von innen, Einsamkeit ist keine Frage der Quantität, sondern der Qualität.

Nun, ich fühlte mich also einsam und ich war der festen Überzeugung, dass alles für immer so bleiben würde, dass das Drama nie ein Ende nehmen könnte. Das Einzige, was half, waren Bücher – Geschichten, die mich an andere Orte brachten, weg aus der Bibliothek dieser tristen, vergrauten Stadt. Ich entwickelte in dieser Zeit eine Liebe zu Graffiti und ein Buch ganz anderer Art war mein ständiger Begleiter. Am meisten faszinierte mich – wie vermutlich so viele – Wild Style und ich wollte unbedingt so zeichnen können, wie diese Künstler_innen. Also suchte ich die Sektion Street Art/Graffiti in der Bibliothek auf und durchforstete die darin befindlichen Bücher.

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Zu dem Thema fand ich Einiges, aber ich fand auch noch etwas ganz Anderes: Ein Buch, dessen Titel und Autor in einer klassischen Tag-Schrift abgebildet war, dessen Cover kein Bild zierte, nur diese Schrift, dicke, blaue Buchstaben. Und als ich den Titel las, war ich mir ganz sicher: Dieses Buch würde mir etwas Besonderes geben, vielleicht ein Gefühl von Verständnis (ja, ja, ich war sehr pathetisch, verzeiht mir bitte). Es hieß „Die Festung der Einsamkeit“, geschrieben von Jonathan Lethem.

Ich begann es zu lesen und überall hin mitzunehmen, obwohl es abartig dick und schwer war. Die ersten Kapitel waren für mich eine Erlösung, so viele wunderschöne Sätze, so perfekt formuliert, so makellos brüchig, so grandios. Irgendwann kamen mir allerdings wohl schulische Verpflichtungen dazwischen und dadurch verlor ich den Anschluss an die Geschichte, sodass mir das Leihfristende das Buch entzog. Ich lieh es nicht mehr aus, weil ich wusste, dass ich mich um einige andere Dinge dringend kümmern müsste und nahm mir vor, es weiterzulesen, sobald ich die Zeit fand.

Das Buch verschwand in meinem Gedächtnis und in den Bücherregalen der Stadtbibliothek. Seitdem hatte ich immer wieder daran gedacht und überlegt, in die Bibliothek zu fahren, um es wieder auszuleihen. Ich wollte sehr viele Jahre lang unbedingt diese Geschichte zu Ende lesen, aber irgendwie hatte ich nie das Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt dafür wäre. Gleichzeitig ist mir in den letzten Monaten mindestens alle zwei Tage dieses Buch eingefallen und es schoss mir immer präsenter in meinen Kopf, dass es gut wäre, dieses Buch endlich nochmal anzufangen und diesmal zu beenden.

Vor zwei Wochen bin ich dann in die Bibliothek gefahren, wo ich mich inzwischen überhaupt nicht mehr auskenne. Das Street Art-Regal habe ich zwar noch gefunden, da war aber nicht mein gesuchtes Buch. Ich wusste den Titel und Autor inzwischen nicht mehr, deshalb gab ich einfach alles bei Google ein, was ich über seinen Inhalt wusste und nach einigen Fehlversuchen sah ich sein Cover und wusste sofort, dass es das Richtige war. Inzwischen war das Buch nur noch in zwei anderen Bibliotheken zu finden, weshalb ich es mir gebraucht gekauft habe.

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Jetzt liegt es in meinem Regal und wartet darauf, in zwei Wochen gelesen zu werden, wenn mein Hausarbeitenstress vorbei ist. Ich habe mal vorsichtig einen Blick (okay, es war ein langer Blick) auf die erste Seite erhascht und ich weiß wieder ganz genau, warum mich das Buch vom ersten Satz an gepackt hat. Umso mehr hoffe ich natürlich, dass es mir auch dieses Mal helfen wird und mich so erfüllen wird, wie beim letzten Mal. Und gleichzeitig habe ich Angst vor der Enttäuschung, sollte ich realisieren, dass ich älter geworden bin, dass alles anders ist und mich solche Geschichten nicht mehr begeistern können. Aber ich bin zuversichtlich, dass das nicht der Fall sein wird.

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Ein Monat, zwei Krankheiten, drei Filme

Ohje, ohje… alles rast! Eigentlich wollte ich den letzten Podcast schon Anfang Februar online stellen und drei Blogbeiträge geschrieben haben. Allerdings war ich krank und aufgrund meiner Bettlägerigkeit und der damit verbundenen Kratzigheit und Heiserkeit meiner Stimme war es lange nicht möglich, ihn aufzunehmen. Aber: Wer – wie ich – müde ist von all dem Zwang Prüfungen erfolgreich zu bestehen, jeden Tag erfolgreich zur Arbeit zu gehen, zu funktionieren usw., die_der findet bei meinem kürzlich erschienenen Podcast etwas Trost. Es geht nämlich ums Scheitern.

Meine Krankheit hatte einen positiven Nebeneffekt… Ich habe angefangen, wieder Filme statt Serien zu schauen und muss sagen, dass ich das ziemlich genossen habe: Einfach mal wieder eine Geschichte in 90-120 Minuten erzählt und dann ist es auch gut damit. Keine Cliffhanger, keine ständigen, so offensichtlich konstruierten Bemühungen die Spannung am Laufen zu halten, wirklich angenehm.

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Allerdings waren es oftmals keine Filme, die sonderlich bekannt und viel diskutiert sind, deshalb will ich hier mal drei nennen, die alle auf Netflix verfügbar sind und ein paar Worte dazu verlieren:

  1. Fruitvale Station

Bei diesem Film werden die letzten 24 Stunden im Leben des Oscar Grant gezeigt, der von einem Polizisten erschossen wurde. Im letzten Drittel des Filmes habe ich nur noch vor Wut und Verzweiflung geheult, weil er die Realität von Rassismus und Polizeigewalt auf so treffende Weise darstellt, weil er alle möglichen furchtbaren Facetten dieses Mordes zeigt. Den Film will ich aus verschiedenen Gründen empfehlen… Einerseits ist die Geschichte eine, die Gehör verdient, andererseits ist er filmisch absolut sehenswert. Die unterschiedlichen Facetten der Hauptfiguren werden wunderbar herausgearbeitet, keine Figur ist widerspruchslos und entspricht sofort klassischen Filmfiguren. Die Geschichte nimmt mit und bewegt und lässt die Zuschauer_innen mit einem unangenehmen, aber wichtigen Gefühl von Trauer, Wut und Ohnmacht zurück. Insofern: Der Film ist zwar keine leichte Unterhaltung, das macht ihn aber umso sehenswerter!

2. LOL

LOL ist eigentlich als eine Liebesgeschichte angekündigt, ganz langweilig nach heterosexueller Manier. Warum nur „angekündigt“? Weil es darin um sehr viel mehr geht, als romantische Klischees: LOL behandelt Mutter-Tochter-Beziehungen, auch vor dem Hintergrund feministischer Errungenschaften. Es geht um Freiheiten, die Frauen ihren Töchtern lassen (müssen) oder nicht, um den Anspruch an eine Gesellschaft, Frauen ihre Rechte und Freiheiten zuzugestehen, wobei sich das in Bezug auf Erziehungsfragen wesentlich schwieriger gestaltet, als man es sich vorstellt. Letztendlich berührt der Film damit spannende Konflikte um das politische Private und die Frage, ab wann Menschen eigene Entscheidungen treffen sollen (was auch im Rahmen von Vater-Sohn-Beziehungen verhandelt wird). Gleichzeitig stellt der Film die Vielfalt von Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern mit ihren ganz unterschiedlichen Konflikten und Funktionsweisen auf eine sehr liebevolle Art und Weise dar. Den Film würde ich mir nochmal anschauen, weil mir beim zweiten Mal bestimmt ganz andere Dinge auffallen, als beim ersten Mal.

3. Ils sont partout („#The Jews“ ist der englische Titel)

Dieser Film hat mich mit vielen Fragen zurückgelassen. Und das lag nicht daran, dass ich diesen Film trotz fehlender Französisch-Kenntnisse auf Französisch (also Originalton) geschaut habe und die ganze Zeit Untertitel mitlesen musste. Nein, es lag daran, dass er sehr vollgepackt ist, vielfältige Aspekte eines einzigen Phänomens zeigt, versucht die Komplexität desselben irgendwie darzustellen und greifbar zu machen und dass der Film keine Lösungen und Antworten bietet, sondern suchend immer mehr Fragen und Irritationen hervorruft. Der Film handelt von Antisemitismus. Yvan Attal, ein französisch-jüdischer Schauspieler, spricht in therapeutischen Sitzungen über antisemitische Stereotype und die Omnipräsenz von Antisemitismus. Immer wieder wird innerhalb dieser Rahmenhandlung eine kleine Geschichte erzählt, bei der Antisemitismus im Zentrum steht und/oder die Akteur_innen von Antisemitismus betroffen sind. Es geht viel um die Vorstellung vom „Jüdischsein“, um „jüdische Identität“, wie schwierig diese Aushandlungsprozesse sind, mit welcher Diskriminierung jüdische Menschen in Frankreich tagtäglich konfrontiert sind und warum sich antisemitische Einstellungsmuster als so hartnäckig erweisen.

Podcast Folge 3: Scheitern

Es ist so weit, mein dritter Podcast ist online hörbar. Diesmal geht es ums Scheitern, weil wir alle regelmäßig scheitern und darüber zu wenig gesprochen wird – finde ich.

Warum sprechen Menschen wenig über das Scheitern, obwohl es so alltäglich ist, was kann es bedeuten zu scheitern, warum scheitert man und warum ist es nicht unbedingt die eigene Schuld, wenn man scheitert?
Solche Fragen habe ich in meinem Podcast mal ein wenig angerissen.

Die erwähnte Rezension findet ihr hier: kritisch-lesen.de
Und das Buch von Ulrich Bröckling verlinke ich euch auch gleich nochmal: Das unternehmerische Selbst

Vielen Dank übrigens für das Feedback, das ich bisher bekommen habe. Ich sage es auch am Ende des Podcasts, aber trotzdem: Das bedeutet mir sehr viel und ich freue mich über sämtliche Anmerkungen, Kommentare und Vorschläge, die ich bisher bekommen habe und die hoffentlich noch kommen werden.

Meine Haare sind politisch?

Mit 15 Jahren habe ich mir meine Haare kurz schneiden lassen. Damals habe ich mehrere Wochen lang überlegt, ob ich es wirklich machen sollte, ob es mir stehen würde, ob ich „noch weiblich genug“ wirken würde. Die letzte Frage war besonders entscheidend für mich, weil ich als Kind oft für einen Jungen gehalten wurde und mich das damals ziemlich verunsichert hatte. Die Frage war geblieben und plötzlich hing sie mit einer bewussten Entscheidung meinerseits zusammen.
Nachdem ich mit einer Freundin darüber geredet und intensiv alles mit meiner Familie vorbesprochen hatte, bin ich zum Haare schneiden gegangen, für umsonst bei einem Lehrling. Sie schnitt mir einfach den Pferdeschwanz nach beiderseitigem tiefem Durchatmen ab und der größte Part war geschehen.

Seitdem trage ich meine Haare kurz, jetzt schon etwa sechs Jahre. Eine Weile war ich in meiner Performance darauf bedacht, Uneindeutigkeit und Unsicherheit zu produzieren, mein Kleidungsstil wurde angepasst, aber die Haare spielten immer eine entscheidende Rolle in meiner Performance. Und irgendwann waren sie auch als politisches Statement wichtig für mich: Ich wollte mich bewusst nicht an gewisse Rollenklischees und Normen anpassen.

Meistens hat mein Umfeld darauf ziemlich cool reagiert. Viele Menschen, mit denen ich heute zutun habe, kennen mich gar nicht mehr mit langen Haaren und diejenigen, die mich schon so lange kennen, können sich nicht vorstellen, dass ich jemals wieder lange Haare tragen werde.
Natürlich haben mir viele Leute mitunter aufgrund meiner Haare bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben, beispielsweise Stärke, Selbstbewusstsein usw. Aber auch die Frage nach meiner Sexualität wurde für viele durch meine Frisur beantwortet, in 90% der Fälle falsch.

Processed with VSCO with j1 presetVor einer Woche habe ich mir schließlich meine Haare auf neun Millimeter abrasiert. Und man mag denken, von vier Zentimetern auf knapp einen Zentimeter wär es kein weiter Weg, aber es ist doch nochmal etwas ganz anderes, zumindest für mich. Man sieht jetzt ganz deutlich meine Kopfform, mein Gesicht ist komplett unverdeckt, usw.

Und scheinbar ist es auch für andere ein Unterschied, ob Haare geschnitten oder komplett rasiert sind, denn obwohl bspw. auf Instagram viele Leute positives Feedback gegeben haben, obwohl mir auch außerhalb von Social Media viele Menschen gesagt haben, wie cool sie meine neuen Haare finden, gab es auch einige, die ganz und gar nicht begeistert waren. Mir wurde gesagt, ich sehe aus wie ein Typ (nichts Neues), würde mir mein komplettes Aussehen zerstören und mich „entstellen“. Am heftigsten hat mich der Vergleich mit einem KZ-Häftling getroffen, der zwar nach kurzer Zeit zurückgenommen wurde, aber trotzdem gesessen hat – weniger eine Beleidigung als vielmehr eine Verhöhnung der Menschen, die durch die Shoah gelitten haben und von den Nationalsozialist_innen ermordet wurden.

Eine Freundin von mir hat an meiner Frisur gelobt, dass sie Vorstellungen von Geschlecht unterlaufen und aufbrechen würde. Solche Aussagen freuen mich natürlich sehr, weil ich denke, dass man durch seine Performance Ungewissheit erschaffen kann, die möglicherweise (nicht allzu oft) zum Hinterfragen der eigenen Sichtweise führt, die immer (gewollt oder ungewollt) politisch ist.
Und gleichzeitig möchte ich Frisuren und damit einhergehend die eigene Performance in der beschriebenen Hinsicht nicht zu sehr politisch überstilisieren, weil damit Individuen möglicherweise zu viel Verantwortung zugeschoben wird, die nicht ausschließlich bei ihnen liegt (kurze Haare sind inzwischen weitgehend im Mainstream angekommen und an geschlechterbasierter Ungleichheit hat sich trotzdem kaum etwas verändert).

Es bleibt für mich aber doch ein weiteres Mal die Erfahrung, dass sogar Haare Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden können, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, wenn plötzlich Irritation auftaucht, etwas nicht den Standards entspricht. Manchmal wird darauf mit Beleidigungen und sexistischen Zuschreibungen reagiert, manchmal bringt es Leute zum Nachdenken – über die eigenen Haare, die eigene Performance, die eigenen Vorstellungen.
Insofern trage ich meine Haare seit sechs Jahren kurz, bin glücklich damit und denke gar nicht daran, sie jemals wieder lang wachsen zu lassen.

Loving Vincent (Review)

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Filmposter von http://www.lovingvincent.com

Ich war seit langer Zeit nicht mehr im Kino. Wenig Zeit, wenig Geld, es hat drei Anläufe gebraucht, bis ich tatsächlich in den Film gehen konnte, von dem ich euch heute erzählen will.
Er heißt „Loving Vincent“ und ausnahmsweise wollte ich diesen Film nicht sehen, weil sich die Story oder das Thema so spannend angehört hat, sondern weil er auf eine ganz besondere Art und Weise gemacht ist.

An „Loving Vincent“ haben Künstler_innen über vier Jahre gearbeitet. Eine ganz schön lange Zeit für letztendlich 94 Minuten auf der Leinwand. Aber diese Zeit hat es gebraucht, weil jedes einzelne Bild, aus dem dieser Film besteht, gemalt wurde. Von 125 Künstler_innen. „Loving Vincent“ besteht aus Ölgemälden und es ist der erste Film, der auf diese Art und Weise gemacht wurde.

Die Wahl der Ölgemälde als Geschichtenerzähler macht deshalb bei diesem Werk besonders Sinn, weil es um Vincent van Gogh geht und um die letzten Wochen vor seinem Tod. Armand Roulin (Douglas Booth) bekommt in dem Film nach dem Tod von van Gogh den Auftrag, einen Brief an van Goghs Bruder Theo zu übermitteln. Dieser ist aber ebenfalls gestorben, weshalb Armand sich auf die Reise begibt, um die Person zu finden, die rechtmäßige_r Besitzer_in des Briefes wäre. Im Laufe seiner Suche findet er wichtige, verwirrende Details über van Goghs letzte Wochen heraus, seine Suche wird intensiver, bis er sich ausschließlich ihr widmet. Die wiederkehrende Frage lautet: Wie konnte van Gogh, der sich noch wenige Wochen vor seinem Tod als gesund beschreibt, so plötzlich Selbstmord begehen?

„Loving Vincent“ wird zurecht von Kritiker_innen gelobt. Die Arbeit, die in dem Film steckt, ist unvorstellbar. Die Macher_innen schreiben auf der Filmseite zur Entstehung der Bilder: „We painted the first frame as a full painting on canvas board, and then painted over that painting for each frame until the last frame of the shot. We are then left with an oil-painting on canvas board of the last frame.“ Wenn man sich den Film anschaut, muss man diese Info im Hinterkopf haben und sich bewusst machen, wir zeitaufwendig und anstrengend es gewesen sein muss, die so lebendig wirkenden Bilder zu malen und aneinanderzureihen. Jedes im Film vorkommende Bild ist so reich an Details, alles ist kontinuierlich in Bewegung und der Film steht in keiner einzigen Sekunde still.

Dieses Hintergrundwissen über die Produktion hat mich also ins Kino getrieben. Ich hatte mich davor nicht viel mit Vincent van Goghs Leben beschäftigt und wusste daher wenig über die Rahmenhandlung. Trotzdem hat mich die Geschichte total gepackt. Armand als Hauptdarsteller des Films, der zunächst fast so unwissend ist, wie möglicherweise manche Zuschauer_innen, funktioniert perfekt als Figur, die von van Goghs Geschichte mitgerissen wird und die Zuschauer_innen gleich mitnimmt in seiner Faszination. Der Film erzählt die Biografie van Goghs letzter Wochen detailgetreu nach und auch die sich an manchen Punkten widersprechenden Perspektiven der verschiedenen in diesen Wochen an seinem Leben beteiligten Personen kommen zum Ausdruck.

Ich bin mit einem sehr seltsamen Gefühl aus dem Film gegangen… Einerseits war ich von der Tragik gepackt, die das Leben und der Tod des Künstlers enthalten und andererseits war ich so fasziniert von der Handlung und der Machart des Films, dass ich irgendwie einfach glücklich darüber war ihn gesehen zu haben. Es ist einer dieser Filme, von denen ich im Nachhinein sage, dass ich etwas verpassen würde, wenn ich ihn nicht gesehen hätte und deshalb empfehle ich ihn euch weiter (ohne behaupten zu wollen, dass ihr auch was verpasst, wenn ihr ihn nicht schaut, das gilt nur für mich).

Ach ja: Wer noch weitere Infos über den Film will, kann sich auch mal das öffentlich einsehbare Press Kit anschauen und durchlesen.

Podcast Folge 2: Geschichten und Erzählungen

Die zweite Folge meines Podcasts ist jetzt online. Dabei geht es um Erzählungen in doppelter Hinsicht: Einerseits, welche Bestandteile eine Geschichte in erzähltheoretischer Hinsicht hat und was sie eigentlich ist und sein soll. Und Andererseits, was eigentlich gesellschaftliche, politische Erzählungen sind, warum die Figur der Erzählung für Menschen und Gesellschaft so zentral ist, wer Erzählungen gestalten kann – und wer nicht, woraus sie bestehen und wie voraussetzungsreich das Erzählen doch eigentlich ist.

Vielen Dank nochmal an Sarah, die diesen Podcast mit mir zusammen gemacht hat und an die Person, die für meine Jingles verantwortlich ist.

Ich freu mich über euer Feedback: Ihr habt Themen, die euch besonders interessieren, sonstige Fragen und Anmerkungen? Schreibt mir einfach eine Mail.

Und hier findet ihr die Artikel, auf die wir uns in der Folge bezogen haben:

Ungeschminkte Wahrheiten
Eine neue linke Erzählung
US-Behörde erhält Liste verbotener Wörter
Existenzbedingungen des Schreibens. Zur Ideologie der Unbedingtheit

Fantastic Masculinities: Über Männlichkeitsperformances in Hollywood-Produktionen

Vor zwei Tagen wurden die Golden Globes vergeben. Im Zuge der #MeToo-Debatte, gefolgt von der #TimesUp-Initiative gab es einen Black Carpet, bei dem viele Schauspieler_innen und weitere Prominente Schwarz trugen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Auf die #MeToo-Debatte bin ich in einem anderen Post eingegangen, seitdem habe ich noch viel darüber gesprochen und nachgedacht.
Heute will ich einen anderen Fokus setzen auf etwas, das einen weiteren, wichtigen Aspekt der Geschlechterpolitik rund um Hollywood (und nicht nur rund um Hollywood, sondern auch sämtlichen anderen Filmproduktionsstätten) darstellt: Bei #MeToo ging und geht es um das, was hinter der Bühne passiert und dank einiger Kritik daran irgendwann auch darum, was in der Arbeitswelt und in den sogenannten „Privathaushalten“ mit und gegen Frauen passiert, inwiefern sexualisierte Gewalt im Alltag von Frauen eine Rolle spielt.

Über das, was eigentlich auf der Bühne passiert, mache ich mir seit einiger Zeit in Bezug auf die Darstellung und Charakterisierung von Vampir-Figuren Gedanken, die oftmals starkes Stalking-Verhalten zeigen. In neuen wie in älteren Produktionen wird dieses höchst übergriffige Verhalten häufig mit der „Schönheit“ der Figur legitimiert und allgemein als unproblematisch dargestellt. An Vampir-Figuren lässt sich gut zeigen, welche Männlichkeitsperformances „beliebt“ und „angesagt“ sind, welche Formen der Männlichkeit gesehen werden wollen.

Ein Gegenentwurf zu dieser Art der Inszenierung von Männlichkeit in Filmen stellt Newt Scamander, der Protagonist von „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ dar. Darauf bin ich dank eines Youtube-Videos gekommen, das ich euch dringend empfehle anzuschauen. Darin geht es um die Männlichkeitsperformance von Eddie Redmayne alias Newt Scamander, die in vielerlei Hinsicht der common Darstellung einer heroischen Männlichkeit widerspricht.

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Aus dem unten verlinkten, empfohlenen Video von Pop Culture Detective

Am Ende des Videos geht der Macher darauf ein, was für Reaktionen Eddie Redmaynes Inszenierung beim Publikum und bei Kritiker_innen hervorgerufen hat. Einer der Hauptkritikpunkte am Film, der von vielen Medien aufgegriffen wurde, war tatsächlich diese untypische Darstellung eines männlichen Helden. Das verweist darauf, dass Darstellungen von Männlichkeit, die von der hegemonialen Performance abweichen, nach wie vor sanktioniert werden, von Kritiker_innen, der Filmindustrie, usw. Es ist sogar fraglich, ob Newt in den kommenden Filmen noch so stark im Vordergrund stehen wird, wie im ersten Film, weil seine Rolle eben nicht dem entspricht, was viele Kinobesucher_innen sehen wollen.

Ich schließe mich dem Macher des Videos vollkommen darin an, dass nichts in einem Film mehr langweilt, als zum 3.000sten Mal dieselbe heroische Männlichkeit auf der Leinwand zu sehen. Newt Scamander fand ich bereits beim ersten Filmschauen eine wahnsinnig abwechslungsreiche und spannende Figur und nach diesem Youtube-Video ist mir klar geworden, warum.

Der Umgang mit der Figur des Newt Scamander zeigt, dass die Darstellungsfreiheit in Hollywood ebenfalls Grenzen kennt, die sich dort offenbaren, wo Geschlechterrollen anders inszeniert und ausgedeutet werden als in den meisten anderen Filmen. Diese Grenzen haben gesellschaftliche Folgen, wenn Menschen nur Figuren gezeigt werden, die tradierte Geschlechterrollen verkörpern und bestimmten Idealtypen entsprechen.
Es manifestiert sich die bereits vorher existente Norm auf dem Bildschirm, es wird ein weiteres Mal ausgedeutet, wie Männlichkeit funktionieren soll (und selbstverständlich auch Weiblichkeit, sowie jede Form der Geschlechterinszenierung). Und oftmals zeigen und heroisieren Filme Männlichkeiten, die beispielsweise unglaublich übergriffig handeln.

Filme sind nicht nur Fiktion. Schauspieler_innen, Drehbuchautor_innen, Regisseur_innen, alle möglichen an einem Film Beteiligten entscheiden sich für eine bestimmte Inszenierung der Figuren. Diese Inszenierung sagt etwas über gesellschaftliche Vorstellungen aus und beeinflusst diese nachhaltig. Männer agieren nicht im luftleeren Raum auf diese Art übergriffig, wie die #MeToo-Debatte es sichtbar macht.
Sie sind natürlich geprägt durch Vorstellungen, Sozialisation, usw. (was ich nicht als Entschuldigung verstanden wissen will: Jeder Mensch hat die Freiheit sich dafür zu entscheiden, kein Arschloch zu sein!) Deshalb ist es auch so spannend, dass die #MeToo-Debatte anfangs von Hollywood-Kontexten ausging, weil natürlich das, was Hollywood produziert, diese eben genannten Vorstellungen (die Vorstellungen bspw., dass es in Ordnung ist, eine Frau zu bedrängen) stabilisiert und beeinflusst.

Genau aus diesem Grund bin ich gelangweilt vom x-ten Vampirfilm oder solchen, bei denen die männlichen Protagonisten definitiv ihre Art Männlichkeit zu performen aus Vampirfilmen u.ä. übernommen haben. Bei denen es vollkommen in Ordnung ist, Frauen ewig nachzustellen, sich heimlich in ihr Zimmer zu begeben, während sie schlafen, sie zu bedrängen und bei denen sexualisierte Gewalt verharmlost wird und in der „gekonnten Männlichkeitsperformance“ irgendeinen Platz findet.
Genau aus diesem Grund will ich in der Filmwelt mehr Newt Scamanders begegnen und weniger Figuren, die einfach nur Geschlechterstereotype reproduzieren.