Feiern gehen im Patriarchat

Der Plan war eigentlich, nochmal ein paar Worte zu #MeToo zu schreiben, was eher eine Äußerung zur Debatte als ein Debattenbeitrag gewesen wäre. Aufgrund dessen, was mir am Wochenende passiert ist, leiste ich jetzt aber doch irgendwie eine Form von Debattenbeitrag. Darin geht es – natürlich – um sexistische, grenzüberschreitende Gewalt, die in dem Beitrag auch beschrieben wird.

Ich war auf einer Hochzeit (wow, ich hätte gedacht, es dauert noch eine Weile, bis ich einen Post so beginne). Nach der Feier bin ich noch ein bisschen mit Freund_innen tanzen gegangen an einen Ort, an dem ich sehr regelmäßig tanzen gehe (ich war natürlich hoffnungslos overdressed, aber ob over- oder underdressed ist mir immer ziemlich egal). Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich dann angesprochen wurde, eben hin und wieder mal, wie das so ist. An dem Abend aber haben die Ansprachen etwas überhand genommen.

Ziemlich beliebt war es an diesem Abend, mir an den Rücken zu fassen (mein Kleid war rückenfrei), irgendwie darüber zu streichen und manchmal noch dazu meinen Arm festzuhalten, damit ich mich aus der unfreiwilligen Umarmung auch schwerer herauswinden kann. Ein Typ hat es tatsächlich geschafft, vier Mal nicht zu verstehen, dass ich nicht mit ihm reden will und er mich nicht anfassen soll, jeweils im Abstand von zehn bis zwanzig Minuten.

Sein Freund und er saßen irgendwann an der Bar und haben sich über die Frauen im Raum unterhalten, die laut ihnen „verrückt“ seien. Als die Bar zugemacht hat, sind sie aufgestanden und sein Freund hat mir ernsthaft auf den Arsch gehauen. Ich hab mich gewehrt, die Typen sind rausgeflogen, für mich war der Abend gelaufen.

Bei mir passiert jetzt noch viel mehr, der eigentliche Kampf beginnt für mich erst danach. Denn die Fragen kommen, diese Fragen, die man sich eben stellt, wenn man in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft aufwächst; die ich hier nicht wiedergeben will, weil sie keinen Raum verdienen. Die Fragen und die Zweifel und die Beschuldigungen. Viele Freund_innen von mir haben sich danach bei mir gemeldet, um mir zu sagen, dass ich mich richtig verhalten habe und dass es nicht meine Schuld war. Das zu hören, direkt danach, am Tag danach, war verdammt wichtig.

Und jetzt? Für die meisten ist die Sache nach dem Wochenende gegessen. Für mich nicht. Ich sitze jetzt da, mit der Berührungsangst, dem Zwang zu duschen, der Appetitlosigkeit, dem Gefühl, eine viel zu krasse Reaktion auf etwas zu zeigen, was in unserer Gesellschaft so eine Banalität darstellt, und mit der Frage, wie ich jemals mit dieser gewaltvollen Gesellschaft umgehen soll. Denn sich in der Situation zu verteidigen ist das Eine. Danach damit umzugehen, mit allen Folgen, von denen diese Typen keine Ahnung haben, ist das Andere.

Irgendwann tritt der Punkt ein, an dem erwartet wird mit solchen Erlebnissen abzuschließen, fertig zu sein, verarbeitet zu haben. Aufgrund von ewigen Vorgeschichten brauche ich für so etwas Jahre, es kommt immer wieder, ich werde diese Momente noch an die 900 Mal durchleben müssen, ungewollt, in Situationen, in denen es absolut nicht passt.

Ein Freund von mir hat an dem Abend die ganze Sache auf einer soziologischen Ebene kommentiert, was mir in dem Moment total geholfen hat. Irgendeine Metaebene einzunehmen, um mich nicht mehr mit der Unmittelbarkeit des Geschehens auseinandersetzen zu müssen. Und er hat darauf hingewiesen, wie spannend und krass es doch eigentlich ist, dass alle Typen unabhängig voneinander mehr oder weniger dieselben oder ähnliche Arten hatten, mich zu berühren, nämlich immer über diese Rückensache.

Das scheint also irgendwie kollektiv zu funktionieren, ohne dass irgendwann mal gesagt wurde „Hey, fass sie einfach am Rücken an, wenn der frei ist, das funktioniert bestimmt.“ Genau diese Muster sind es, die darauf hinweisen, dass deren Handeln strukturiert wird durch eine in sich patriarchal strukturierte Gesellschaft. Sie müssen sich nicht erst darüber austauschen, wie man mich am besten anfasst, sondern es ist einfach unterbewusst klar, wie sie dabei vorgehen, jedem für sich. Selbes gilt für jede andere Grenzüberschreitung an dem Abend; so, wie von Vornherein klar ist, dass Typen Frauen anfassen dürfen, wann und wie sie wollen.
Deren Handeln ist teilweise also schon vorstrukturiert, was aber nicht heißt, dass sie nicht dafür verantwortlich sind. Eine patriarchal strukturierte Gesellschaft nimmt nämlich durch das Handeln solcher Typen erst ihre spezifische Struktur an und jeder – jeder Typ hat die Möglichkeit Leute nicht einfach ungefragt anzufassen oder anzumachen.

Ich habe keinen Masterplan, wie ich weiter mit diesem Abend verfahren soll. Ich weiß, dass ich in nächster Zeit vorsichtig sein muss, wann ich wohin gehe, weil ich eine Wiederholung der Situation unter keinen Umständen aushalte. Ich weiß, dass ich unendlich viel Zeit brauchen werde und dass ich in großen Teilen alleine damit klarkommen muss. Und ich weiß, dass es diese Typen da draußen zu Hauf gibt und dass sie nicht müde werden Frauen zu belästigen. Diese Verhaltensweisen und diese Anspruchshaltung werden erst aufhören zu existieren, wenn sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etwas ändert.

IMG_7554
Das hab ich ein paar Stunden nach den Vorfällen in meine Instagram-Story geschrieben.

Eine kleine Aktualisierung (6.11.17): Ich habe im Zusammenhang mit #MeToo zwei spannende Artikel gelesen, auf die ich hier gerne noch hinweisen möchte: Der Erste ist ein Artikel aus der ZEIT von Sabine Kray, die statt #MeToo einen Hashtag #FuckYou fordert. Der Zweite ist auf dem Blog feministische studien erschienen und bei diesem Beitrag fand ich besonders den Aspekt der Verfügbarkeit von Frauen, der bei den Äußerungen unter #MeToo so drastisch sichtbar wird, sehr spannend.

Advertisements

Ein Kommentar zu „Feiern gehen im Patriarchat

Kommentare sind geschlossen.