Der Antifakongress Bayern

Poster_dgb

Im Vorfeld gab es viel Aufregung um den Antifakongress, der letztes Wochenende im DGB-Haus stattgefunden hat. Den Veranstalter_innen wurde zunächst das DGB-Haus als Veranstaltungsort zugesagt und nach einigen Interventionen durch die Gewerkschaft der Polizei und rechten Medien wieder abgesagt. Im Zuge dessen geriet das, was auf dem Antifakongress letztendlich inhaltlich passierte, vollkommen in den Hintergrund. Egal, was diese Leute bei dem Kongress machen würden, ob Heinrich Heine-Lesung oder Aufruf zu Gewalttaten – das Label reichte, um dem Kongress die Räume zu kündigen. Düstere Zeiten, wenn Antifaschismus keinen Raum mehr haben soll, nicht einmal in einem DGB-Haus.

Nachdem das Vorgehen des DGB öffentlich skandalisiert wurde und der Antifakongress breite gesellschaftliche Unterstützung erfuhr, zog der DGB das Verbot zurück.
Letztendlich war die Kriminalisierung des Kongresses durch die Polizei und rechte Medien eine grandiose Werbung, denn am Samstag war der Kongress ausverkauft und auch bei der Veranstaltung mit Frigga Haug am Freitagabend gab es einen Einlassstopp.

Im Nachgang berichteten zahlreiche Medien über den Kongress und so manche Berichterstattung erschien etwas skurril. Niklas Schenk beispielsweise, Sportjournalist beim BR Zündfunk, kritisiert am Schluss seines Artikels:
„Schade bleibt nur, dass sich die Antifaschisten, die seit den G20-Vorfällen in Hamburg unter ständigem Rechtfertigungsdruck stehen und meist einfach nur als „die Antifa“ und Steinewerfer abgestempelt werden, in keinem einzigen Workshop oder Vortrag mit den Gewaltproblemen in den eigenen Reihen auseinandersetzten.“
Seiner Forderung fehlt der Kontext; offenbar ist nicht klar, worum es beim Antifa-Kongress ging: nämlich um die Auseinandersetzung mit dem gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck und mit antifaschistischen, linken Perspektiven gegen diese Tendenzen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Frank Seibert von BR puls: Er bemerkt zunächst richtig, dass das Publikum auf dem Kongress gar keine „mit „der Antifa“ oft assoziierten sonnenbrillentragenden Kapuzenpulloverjungs“ sind und beklagt anschließend, warum sich auf dem Kongress denn nicht mit „Gewalt in der eigenen Szene“ auseinandergesetzt wird. Das „Argument“ funktioniert also in etwa so: „Ich stelle fest, dass meine Vorstellung vom Publikum nicht stimmt, finde aber trotzdem, dass sie sich mit meiner Vorstellung von ihm intensiv auseinandersetzen und sich bitte auch explizit davon abgrenzen sollten.“

Während diese und andere Journalist_innen verzweifelt nach dem Vortrag „Linker Terror – Kontinuitäten, gesellschaftliche Wahrnehmung und zivilgesellschaftliche Perspektiven“ suchen, zeigt sich PEGIDA-Chef Heinz Meyer auf einer Leinwand mit Paulchen Panther-Figuren und einem Gedicht, in dem zur Jagd auf Antifaschist_innen aufgerufen wird. Das Gedicht enthält nicht nur klare Bezüge zum NSU-Terror, es spielt auch auf das Oktoberfestattentat von 1980 an, bei dem ein Rechtsextremer zwölf Menschen tötete.

Transparent_dgb

Die Frage, die sich hier stellt, habe ich vor einigen Monaten bereits in Zusammenhang mit der Berichterstattung über den G20 formuliert: Über welche Gewalt wird gesprochen, welche Gewalt bleibt unsichtbar und welchen Gewaltbegriff hat man überhaupt? Scheinbar sitzt die Wut über die zerstörten Autos in Hamburg immer noch so tief, dass man eine Auseinandersetzung damit als relevanter erachtet, anstatt die Auseinandersetzung mit den Morden des NSU, mit rassistischer Gewalt, mit neonazistischer Gewalt in einem Artikel zu thematisieren und auf ihre Wichtigkeit zu verweisen.
Das ist extrem schade und wird den Diskussionen, die auf dem Antifa-Kongress geführt wurden, die extrem produktiv und spannend waren, nicht gerecht.

Und weil ich keine Lust habe, den Inhalt des Kongresses auch vollkommen unerwähnt zu lassen, werde ich demnächst noch ein bisschen was dazu schreiben, was Frigga Haug am Freitagabend zum Verhältnis von Utopien und praktischer Politik erzählt hat.

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