Fantastic Masculinities: Über Männlichkeitsperformances in Hollywood-Produktionen

Vor zwei Tagen wurden die Golden Globes vergeben. Im Zuge der #MeToo-Debatte, gefolgt von der #TimesUp-Initiative gab es einen Black Carpet, bei dem viele Schauspieler_innen und weitere Prominente Schwarz trugen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Auf die #MeToo-Debatte bin ich in einem anderen Post eingegangen, seitdem habe ich noch viel darüber gesprochen und nachgedacht.
Heute will ich einen anderen Fokus setzen auf etwas, das einen weiteren, wichtigen Aspekt der Geschlechterpolitik rund um Hollywood (und nicht nur rund um Hollywood, sondern auch sämtlichen anderen Filmproduktionsstätten) darstellt: Bei #MeToo ging und geht es um das, was hinter der Bühne passiert und dank einiger Kritik daran irgendwann auch darum, was in der Arbeitswelt und in den sogenannten „Privathaushalten“ mit und gegen Frauen passiert, inwiefern sexualisierte Gewalt im Alltag von Frauen eine Rolle spielt.

Über das, was eigentlich auf der Bühne passiert, mache ich mir seit einiger Zeit in Bezug auf die Darstellung und Charakterisierung von Vampir-Figuren Gedanken, die oftmals starkes Stalking-Verhalten zeigen. In neuen wie in älteren Produktionen wird dieses höchst übergriffige Verhalten häufig mit der „Schönheit“ der Figur legitimiert und allgemein als unproblematisch dargestellt. An Vampir-Figuren lässt sich gut zeigen, welche Männlichkeitsperformances „beliebt“ und „angesagt“ sind, welche Formen der Männlichkeit gesehen werden wollen.

Ein Gegenentwurf zu dieser Art der Inszenierung von Männlichkeit in Filmen stellt Newt Scamander, der Protagonist von „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ dar. Darauf bin ich dank eines Youtube-Videos gekommen, das ich euch dringend empfehle anzuschauen. Darin geht es um die Männlichkeitsperformance von Eddie Redmayne alias Newt Scamander, die in vielerlei Hinsicht der common Darstellung einer heroischen Männlichkeit widerspricht.

IMG_0059
Aus dem unten verlinkten, empfohlenen Video von Pop Culture Detective

Am Ende des Videos geht der Macher darauf ein, was für Reaktionen Eddie Redmaynes Inszenierung beim Publikum und bei Kritiker_innen hervorgerufen hat. Einer der Hauptkritikpunkte am Film, der von vielen Medien aufgegriffen wurde, war tatsächlich diese untypische Darstellung eines männlichen Helden. Das verweist darauf, dass Darstellungen von Männlichkeit, die von der hegemonialen Performance abweichen, nach wie vor sanktioniert werden, von Kritiker_innen, der Filmindustrie, usw. Es ist sogar fraglich, ob Newt in den kommenden Filmen noch so stark im Vordergrund stehen wird, wie im ersten Film, weil seine Rolle eben nicht dem entspricht, was viele Kinobesucher_innen sehen wollen.

Ich schließe mich dem Macher des Videos vollkommen darin an, dass nichts in einem Film mehr langweilt, als zum 3.000sten Mal dieselbe heroische Männlichkeit auf der Leinwand zu sehen. Newt Scamander fand ich bereits beim ersten Filmschauen eine wahnsinnig abwechslungsreiche und spannende Figur und nach diesem Youtube-Video ist mir klar geworden, warum.

Der Umgang mit der Figur des Newt Scamander zeigt, dass die Darstellungsfreiheit in Hollywood ebenfalls Grenzen kennt, die sich dort offenbaren, wo Geschlechterrollen anders inszeniert und ausgedeutet werden als in den meisten anderen Filmen. Diese Grenzen haben gesellschaftliche Folgen, wenn Menschen nur Figuren gezeigt werden, die tradierte Geschlechterrollen verkörpern und bestimmten Idealtypen entsprechen.
Es manifestiert sich die bereits vorher existente Norm auf dem Bildschirm, es wird ein weiteres Mal ausgedeutet, wie Männlichkeit funktionieren soll (und selbstverständlich auch Weiblichkeit, sowie jede Form der Geschlechterinszenierung). Und oftmals zeigen und heroisieren Filme Männlichkeiten, die beispielsweise unglaublich übergriffig handeln.

Filme sind nicht nur Fiktion. Schauspieler_innen, Drehbuchautor_innen, Regisseur_innen, alle möglichen an einem Film Beteiligten entscheiden sich für eine bestimmte Inszenierung der Figuren. Diese Inszenierung sagt etwas über gesellschaftliche Vorstellungen aus und beeinflusst diese nachhaltig. Männer agieren nicht im luftleeren Raum auf diese Art übergriffig, wie die #MeToo-Debatte es sichtbar macht.
Sie sind natürlich geprägt durch Vorstellungen, Sozialisation, usw. (was ich nicht als Entschuldigung verstanden wissen will: Jeder Mensch hat die Freiheit sich dafür zu entscheiden, kein Arschloch zu sein!) Deshalb ist es auch so spannend, dass die #MeToo-Debatte anfangs von Hollywood-Kontexten ausging, weil natürlich das, was Hollywood produziert, diese eben genannten Vorstellungen (die Vorstellungen bspw., dass es in Ordnung ist, eine Frau zu bedrängen) stabilisiert und beeinflusst.

Genau aus diesem Grund bin ich gelangweilt vom x-ten Vampirfilm oder solchen, bei denen die männlichen Protagonisten definitiv ihre Art Männlichkeit zu performen aus Vampirfilmen u.ä. übernommen haben. Bei denen es vollkommen in Ordnung ist, Frauen ewig nachzustellen, sich heimlich in ihr Zimmer zu begeben, während sie schlafen, sie zu bedrängen und bei denen sexualisierte Gewalt verharmlost wird und in der „gekonnten Männlichkeitsperformance“ irgendeinen Platz findet.
Genau aus diesem Grund will ich in der Filmwelt mehr Newt Scamanders begegnen und weniger Figuren, die einfach nur Geschlechterstereotype reproduzieren.

Advertisements

Nie wieder. Schon wieder. Immer noch.

Seit gestern ist im NS-Dokumentationszentrum die Ausstellung „Nie wieder. Schon wieder. Immer noch. Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945“ besuchbar. Und ich möchte an dieser Stelle dringend empfehlen, euch die Zeit zu nehmen und reinzugehen, weil sie einen Aspekt der Gesellschaft dokumentiert, der nach wie vor viel zu oft verharmlost, kleingeredet und ignoriert wird: Rechtsextremismus, seine Ideologie und sein Fortbestehen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Ausstellung beginnt mit einem Zeitstrahl, der seinen Anfang bei 1945 mit dem Verbot der NSDAP nimmt (übrigens genau dort, wo so viele Ausstellungen aufhören, nämlich am Ende der NS-Zeit). Der Zeitstrahl ist in drei Sektionen unterteilt: Der Unterste, schwarz unterlegte Teil zeigt auf, was Akteur_innen der extremen Rechten (1) zu der Zeit gemacht haben und welche Organisationen bekannte oder weniger bekannte Aktionen gemacht haben.
Im mittleren, weiß unterlegten Teil finden sich Daten von Partei- und Organisationsgründungen in der extremen Rechten, wichtige politische Daten und Gesetzesänderungen, die in Zusammenhang mit dem Themenkomplex stehen und sonstige relevante politische Ereignisse.
Und im oberen, grau unterlegten Teil des Zeitstrahls schließlich finden Widerstand, zivilgesellschaftliche Proteste und antifaschistisches Engagement Platz.

Nach kurzer Betrachtung des Zeitstrahls fällt auf, wie voll der schwarz unterlegte Teil im Gegensatz zum obersten Part ist, was natürlich einerseits an der Fokussierung der Ausstellung liegt und andererseits auch in gewisser Weise auf politische, gesellschaftliche Verhältnisse verweist. Außerdem verdeutlicht es, dass sich rechtsextreme Organisationen sofort nach 1945 gründeten, dass es unmittelbar nach Kriegsende Organisierungsversuche von extremen Rechten gab und dass das unter anderem an der nie stattgefundenen Entnazifizierung lag.

Ein weiterer Punkt, den die Darstellung als Chronologie offenlegt, ist die Kontinuität rechtsextremer Aktivitäten, von antisemitischen Schmierereien bishin zu Körperverletzung und Mord. Es wird ganz deutlich sichtbar, dass mit dem Ende der NS-Zeit antisemitische Einstellungen kein Ende fanden und dass es auch nach 1945 keinen Zeitraum ohne antisemitische Übergriffe in Deutschland gab.
Noch Ende der 40er Jahre werden antisemitische Schilder vor Häusern und Gaststätten angebracht, die überwiegend von Jüd_innen besucht werden. 1949 druckt die Süddeutsche Zeitung einen antisemitischen Leser_innenbrief ab, dessen Verfasser_in nie ermittelt wurde.

Der Zeitstrahl verläuft weiter, weist auf das Oktoberfestattentat und den Mord an Shlomo Lewin und Frieda Poeschke hin, auf die Ermordung Amadeu Antonios, beleuchtet die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda, die Morde in Mölln, die Bildung des Thüringer Heimatschutz mit dem Verweis auf die politische Sozialisation des NSU-Kerntrios, die beiden Opfer des NSU aus München, Theodoros Boulgarides und Habil Kiliç, sowie viele weitere Gewalttaten und andere Aktivitäten der extremen Rechten in Deutschland. Er endet 2017 mit dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren und der Wahl der AfD in den Bundestag.

Man befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem großen Raum, in dem neben dem Zeitstrahl an der Wand in der Mitte des Raumes mehrere hohe Säulen stehen. Eine einzige schwarze Säule ist mit „Ideologie“ betitelt und erklärt, dass jede der Säulen ein Element der Ideologie von extremen Rechten darstellen und veranschaulichen soll. Dazu gehören Sozialdarwinismus, antidemokratisches Denken, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, „Antiziganismus“ (mit dem Verweis darauf, dass aufgrund der Problematik des Begriffs von „Rassismus gegen Sinti und Roma“ gesprochen wird), sowie Nationalchauvinismus und Geschichtsrevisionismus.
Dabei ist beeindruckend und beunruhigend zugleich, wie viel hochaktuelles und von verschiedensten Akteuren verbreitetes Material zur Anschauung benutzt wird, von rechten Aufklebern, Flyern und Plakaten bis zu Facebook-Posts.
Diese Säulen, die mit ihrem Anschauungsmaterial zwar stark auf Organisationsebene bleiben, machen deutlich, wie viele inhaltliche Anknüpfungspunkte es doch in gesellschaftlichen Diskursen zur Ideologie der extremen Rechten gibt.

Im letzten Teil der Ausstellung wird explizit Münchner Geschichte, Erinnerung und Zivilgesellschaft in den Vordergrund gestellt und darin besonders die Verfolgung von Jüd_innen im Nationalsozialismus und die weitergehende Diskriminierung nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Außerdem geht es um Münchner_innen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben und wie mit dem Gedenken an sie, sowie die Opfer der Shoah, umgegangen wurde/wird. Auch ein Brandanschlag, der ansonsten oft unbenannt bleibt, ist dort thematisiert: Der Brandanschlag auf das Jüdische Altenheim im Jahr 1970, bei dem sieben Menschen starben, darunter auch zwei Überlebende der Shoah.

Die Ausstellung schließt mit zwei großen, ständig aktualisierten Bildschirmen, die am laufenden Band Schlagzeilen aus SZ, FAZ, dem a.i.d.a.-Archiv usw. einblenden, bei denen es um extreme Rechte oder Bestandteile ihrer Ideologie geht. Damit wird nochmals auf die Aktualität des Themas hingewiesen und darauf, dass die Kontinuität bisher kein Ende gefunden hat, dass die Ideologie der extremen Rechten weiterhin besteht und dass extreme Rechte weiterhin gewalttätig handeln.

Mit dieser Ausstellung hat sich das NS-Dokuzentrum einem wahnsinnig vielseitigen, vielschichten Thema angenommen, das unglaublich zahlreiche Facetten kennt und eine sehr detaillierte Geschichte aufweist. Dafür ist die Ausstellung unglaublich gut gelungen, weil sie der Vielseitigkeit und Komplexität des Gegenstandes gerecht wird. Natürlich fallen Informationen herunter, natürlich findet nicht jeder Name seinen Platz, aber darum geht es konkret in dieser Ausstellung meines Erachtens auch nicht.

Es geht um die Darstellung der Kontinuität des Rechtsextremismus in Deutschland. Dafür wurde eine beeindruckende Fülle an Material gesammelt und bereitgestellt, die noch dazu auf eine unglaublich tolle Art und Weise einer Öffentlichkeit zugänglich geworden sind. Die Art der Visualisierung von Kontinuität vermittelt die Problematik zusätzlich zu den sowieso beeindruckenden Anschauungsmaterialien so einprägsam, wie es nur geht. Und auch die Exponate, die die praktischen Beispiele für jene Ideologie-Bausteine sein sollen, passen nahtlos und machen den komplexen Gegenstand leichter verständlich.

Allerdings hatte ich beim Besuch der Ausstellung manchmal das Gefühl, dass die historischen Kontexte nicht genügend sichtbar waren. Vielleicht hätte ein noch mehr befüllter mittlerer Zeitstrahl-Teil geholfen, die Rahmenbedingungen besser zu verstehen, unter denen sich die Entwicklung der extremen Rechten und der Widerstand dagegen abgespielt hat. Besonders für die Zeit der 1990er wären möglicherweise mehr Hintergrundinfos über das gesellschaftliche Klima zu der Zeit gut gewesen, aber auch für den Zeitraum unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, weil viele unterschiedlichen Vorstellungen über die gesellschaftliche Atmosphäre damals bestehen.
Daran anschließend wäre es auch spannend gewesen, mehr dazu zu sehen, wie die Bausteine der Ideologie der extremen Rechten in der Gesellschaft ankommen, von ihr aufgegriffen und verarbeitet werden, welche Rolle sie für gesellschaftliche Diskurse tatsächlich spielen und wie präsent sie darin sind.

Dennoch überwiegt Bewunderung und Begeisterung für diese Ausstellung: Sie visualisiert das Phänomen, das sie zum Thema hat, auf eine tolle Art und Weise, hat großartiges Anschauungsmaterial bereitgestellt und geht angemessen mit der Komplexität des Gegenstandes um.
Deshalb: Geht in die Ausstellung, sie kostet 5€, ermäßigt 2,50€. Ihr könnt sie bis zum 2. April 2018 immer von Dienstag bis Sonntag, 10-19 Uhr, besuchen und es gibt auch öffentliche Rundgänge und einige spannende Veranstaltungen in ihrem Rahmen. Für mehr Infos besucht die Seite des NS-Dokuzentrums.

(1) zum Begriff der extremen Rechten und seiner Problematik lest hier.

Der Antifakongress Bayern

Poster_dgb

Im Vorfeld gab es viel Aufregung um den Antifakongress, der letztes Wochenende im DGB-Haus stattgefunden hat. Den Veranstalter_innen wurde zunächst das DGB-Haus als Veranstaltungsort zugesagt und nach einigen Interventionen durch die Gewerkschaft der Polizei und rechten Medien wieder abgesagt. Im Zuge dessen geriet das, was auf dem Antifakongress letztendlich inhaltlich passierte, vollkommen in den Hintergrund. Egal, was diese Leute bei dem Kongress machen würden, ob Heinrich Heine-Lesung oder Aufruf zu Gewalttaten – das Label reichte, um dem Kongress die Räume zu kündigen. Düstere Zeiten, wenn Antifaschismus keinen Raum mehr haben soll, nicht einmal in einem DGB-Haus.

Nachdem das Vorgehen des DGB öffentlich skandalisiert wurde und der Antifakongress breite gesellschaftliche Unterstützung erfuhr, zog der DGB das Verbot zurück.
Letztendlich war die Kriminalisierung des Kongresses durch die Polizei und rechte Medien eine grandiose Werbung, denn am Samstag war der Kongress ausverkauft und auch bei der Veranstaltung mit Frigga Haug am Freitagabend gab es einen Einlassstopp.

Im Nachgang berichteten zahlreiche Medien über den Kongress und so manche Berichterstattung erschien etwas skurril. Niklas Schenk beispielsweise, Sportjournalist beim BR Zündfunk, kritisiert am Schluss seines Artikels:
„Schade bleibt nur, dass sich die Antifaschisten, die seit den G20-Vorfällen in Hamburg unter ständigem Rechtfertigungsdruck stehen und meist einfach nur als „die Antifa“ und Steinewerfer abgestempelt werden, in keinem einzigen Workshop oder Vortrag mit den Gewaltproblemen in den eigenen Reihen auseinandersetzten.“
Seiner Forderung fehlt der Kontext; offenbar ist nicht klar, worum es beim Antifa-Kongress ging: nämlich um die Auseinandersetzung mit dem gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck und mit antifaschistischen, linken Perspektiven gegen diese Tendenzen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Frank Seibert von BR puls: Er bemerkt zunächst richtig, dass das Publikum auf dem Kongress gar keine „mit „der Antifa“ oft assoziierten sonnenbrillentragenden Kapuzenpulloverjungs“ sind und beklagt anschließend, warum sich auf dem Kongress denn nicht mit „Gewalt in der eigenen Szene“ auseinandergesetzt wird. Das „Argument“ funktioniert also in etwa so: „Ich stelle fest, dass meine Vorstellung vom Publikum nicht stimmt, finde aber trotzdem, dass sie sich mit meiner Vorstellung von ihm intensiv auseinandersetzen und sich bitte auch explizit davon abgrenzen sollten.“

Während diese und andere Journalist_innen verzweifelt nach dem Vortrag „Linker Terror – Kontinuitäten, gesellschaftliche Wahrnehmung und zivilgesellschaftliche Perspektiven“ suchen, zeigt sich PEGIDA-Chef Heinz Meyer auf einer Leinwand mit Paulchen Panther-Figuren und einem Gedicht, in dem zur Jagd auf Antifaschist_innen aufgerufen wird. Das Gedicht enthält nicht nur klare Bezüge zum NSU-Terror, es spielt auch auf das Oktoberfestattentat von 1980 an, bei dem ein Rechtsextremer zwölf Menschen tötete.

Transparent_dgb

Die Frage, die sich hier stellt, habe ich vor einigen Monaten bereits in Zusammenhang mit der Berichterstattung über den G20 formuliert: Über welche Gewalt wird gesprochen, welche Gewalt bleibt unsichtbar und welchen Gewaltbegriff hat man überhaupt? Scheinbar sitzt die Wut über die zerstörten Autos in Hamburg immer noch so tief, dass man eine Auseinandersetzung damit als relevanter erachtet, anstatt die Auseinandersetzung mit den Morden des NSU, mit rassistischer Gewalt, mit neonazistischer Gewalt in einem Artikel zu thematisieren und auf ihre Wichtigkeit zu verweisen.
Das ist extrem schade und wird den Diskussionen, die auf dem Antifa-Kongress geführt wurden, die extrem produktiv und spannend waren, nicht gerecht.

Und weil ich keine Lust habe, den Inhalt des Kongresses auch vollkommen unerwähnt zu lassen, werde ich demnächst noch ein bisschen was dazu schreiben, was Frigga Haug am Freitagabend zum Verhältnis von Utopien und praktischer Politik erzählt hat.

Feiern gehen im Patriarchat

Der Plan war eigentlich, nochmal ein paar Worte zu #MeToo zu schreiben, was eher eine Äußerung zur Debatte als ein Debattenbeitrag gewesen wäre. Aufgrund dessen, was mir am Wochenende passiert ist, leiste ich jetzt aber doch irgendwie eine Form von Debattenbeitrag. Darin geht es – natürlich – um sexistische, grenzüberschreitende Gewalt, die in dem Beitrag auch beschrieben wird.

Ich war auf einer Hochzeit (wow, ich hätte gedacht, es dauert noch eine Weile, bis ich einen Post so beginne). Nach der Feier bin ich noch ein bisschen mit Freund_innen tanzen gegangen an einen Ort, an dem ich sehr regelmäßig tanzen gehe (ich war natürlich hoffnungslos overdressed, aber ob over- oder underdressed ist mir immer ziemlich egal). Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich dann angesprochen wurde, eben hin und wieder mal, wie das so ist. An dem Abend aber haben die Ansprachen etwas überhand genommen.

Ziemlich beliebt war es an diesem Abend, mir an den Rücken zu fassen (mein Kleid war rückenfrei), irgendwie darüber zu streichen und manchmal noch dazu meinen Arm festzuhalten, damit ich mich aus der unfreiwilligen Umarmung auch schwerer herauswinden kann. Ein Typ hat es tatsächlich geschafft, vier Mal nicht zu verstehen, dass ich nicht mit ihm reden will und er mich nicht anfassen soll, jeweils im Abstand von zehn bis zwanzig Minuten.

Sein Freund und er saßen irgendwann an der Bar und haben sich über die Frauen im Raum unterhalten, die laut ihnen „verrückt“ seien. Als die Bar zugemacht hat, sind sie aufgestanden und sein Freund hat mir ernsthaft auf den Arsch gehauen. Ich hab mich gewehrt, die Typen sind rausgeflogen, für mich war der Abend gelaufen.

Bei mir passiert jetzt noch viel mehr, der eigentliche Kampf beginnt für mich erst danach. Denn die Fragen kommen, diese Fragen, die man sich eben stellt, wenn man in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft aufwächst; die ich hier nicht wiedergeben will, weil sie keinen Raum verdienen. Die Fragen und die Zweifel und die Beschuldigungen. Viele Freund_innen von mir haben sich danach bei mir gemeldet, um mir zu sagen, dass ich mich richtig verhalten habe und dass es nicht meine Schuld war. Das zu hören, direkt danach, am Tag danach, war verdammt wichtig.

Und jetzt? Für die meisten ist die Sache nach dem Wochenende gegessen. Für mich nicht. Ich sitze jetzt da, mit der Berührungsangst, dem Zwang zu duschen, der Appetitlosigkeit, dem Gefühl, eine viel zu krasse Reaktion auf etwas zu zeigen, was in unserer Gesellschaft so eine Banalität darstellt, und mit der Frage, wie ich jemals mit dieser gewaltvollen Gesellschaft umgehen soll. Denn sich in der Situation zu verteidigen ist das Eine. Danach damit umzugehen, mit allen Folgen, von denen diese Typen keine Ahnung haben, ist das Andere.

Irgendwann tritt der Punkt ein, an dem erwartet wird mit solchen Erlebnissen abzuschließen, fertig zu sein, verarbeitet zu haben. Aufgrund von ewigen Vorgeschichten brauche ich für so etwas Jahre, es kommt immer wieder, ich werde diese Momente noch an die 900 Mal durchleben müssen, ungewollt, in Situationen, in denen es absolut nicht passt.

Ein Freund von mir hat an dem Abend die ganze Sache auf einer soziologischen Ebene kommentiert, was mir in dem Moment total geholfen hat. Irgendeine Metaebene einzunehmen, um mich nicht mehr mit der Unmittelbarkeit des Geschehens auseinandersetzen zu müssen. Und er hat darauf hingewiesen, wie spannend und krass es doch eigentlich ist, dass alle Typen unabhängig voneinander mehr oder weniger dieselben oder ähnliche Arten hatten, mich zu berühren, nämlich immer über diese Rückensache.

Das scheint also irgendwie kollektiv zu funktionieren, ohne dass irgendwann mal gesagt wurde „Hey, fass sie einfach am Rücken an, wenn der frei ist, das funktioniert bestimmt.“ Genau diese Muster sind es, die darauf hinweisen, dass deren Handeln strukturiert wird durch eine in sich patriarchal strukturierte Gesellschaft. Sie müssen sich nicht erst darüber austauschen, wie man mich am besten anfasst, sondern es ist einfach unterbewusst klar, wie sie dabei vorgehen, jedem für sich. Selbes gilt für jede andere Grenzüberschreitung an dem Abend; so, wie von Vornherein klar ist, dass Typen Frauen anfassen dürfen, wann und wie sie wollen.
Deren Handeln ist teilweise also schon vorstrukturiert, was aber nicht heißt, dass sie nicht dafür verantwortlich sind. Eine patriarchal strukturierte Gesellschaft nimmt nämlich durch das Handeln solcher Typen erst ihre spezifische Struktur an und jeder – jeder Typ hat die Möglichkeit Leute nicht einfach ungefragt anzufassen oder anzumachen.

Ich habe keinen Masterplan, wie ich weiter mit diesem Abend verfahren soll. Ich weiß, dass ich in nächster Zeit vorsichtig sein muss, wann ich wohin gehe, weil ich eine Wiederholung der Situation unter keinen Umständen aushalte. Ich weiß, dass ich unendlich viel Zeit brauchen werde und dass ich in großen Teilen alleine damit klarkommen muss. Und ich weiß, dass es diese Typen da draußen zu Hauf gibt und dass sie nicht müde werden Frauen zu belästigen. Diese Verhaltensweisen und diese Anspruchshaltung werden erst aufhören zu existieren, wenn sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etwas ändert.

IMG_7554
Das hab ich ein paar Stunden nach den Vorfällen in meine Instagram-Story geschrieben.

Eine kleine Aktualisierung (6.11.17): Ich habe im Zusammenhang mit #MeToo zwei spannende Artikel gelesen, auf die ich hier gerne noch hinweisen möchte: Der Erste ist ein Artikel aus der ZEIT von Sabine Kray, die statt #MeToo einen Hashtag #FuckYou fordert. Der Zweite ist auf dem Blog feministische studien erschienen und bei diesem Beitrag fand ich besonders den Aspekt der Verfügbarkeit von Frauen, der bei den Äußerungen unter #MeToo so drastisch sichtbar wird, sehr spannend.

Worüber nach dem G20 gesprochen werden muss…

Über den G20-Gipfel gäbe es viel zu sagen. Zum Beispiel könnten wir uns über das Treffen der 20 unterhalten, über deren Ergebnisse und Nicht-Ergebnisse diskutieren und darüber, ob Trump und Putin wohl House of Cards gesehen haben.

Wir könnten auch über die Aktionen der G20-Gegner_innen und Kritiker_innen sprechen, wie vielfältig die gewählten Protestformen waren und was für Ziele eigentlich auf die Straße getragen wurden. Und wenn wir darüber sprechen, haben wohl die meisten nur die Bilder von Freitag-/Samstagnacht im Kopf, obwohl der Protest so viel mehr beinhaltete und so viel mehr transportiert hat.
Es ist beeindruckend, dass auf der Demonstration am Samstag über 50.000 Menschen waren. Wenn wir über sie sprächen, müssten wir auch darüber sprechen, warum auf diesen Demos antisemitische Krakensymbolik immer noch geduldet wird (klar, Blöcke unterscheiden sich voneinander, aber solche Figuren und Shirts haben nun mal auf solchen Demos nichts zu suchen).

Und wenn wir über all den Protest sprechen, müssten wir auch darüber sprechen, warum eigentlich die Polizei am Donnerstag die Demonstration stürmte und eine Eskalation herbeiführte, warum in der Nacht von Freitag auf Samstag Grundrechte keine Gültigkeit mehr in Hamburg und vor allem im Schanzenviertel hatten, warum die Polizei wollte, dass es keine Berichterstattung über ihr Vorgehen im Schanzenviertel gibt und warum sich in meiner Twitter-Timeline dokumentierte Rechtsbrüche vonseiten der Polizei nur so häufen.

wawe
© 24mmjournalism Bei der „Welcome to Hell“-Demonstration setzt die Polizei massiv Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas ein.

Tatsächlich wird – wie immer – in großen Teilen ausschließlich über „die Randalierer“, „die Chaoten“, „die Autonomen“ gesprochen, die in der Schanze Läden geplündert und Autos abgefackelt hätten. Im „Neuen Deutschland“ befindet sich ein ganz spannender Artikel über den „Nationalfetisch Auto“ und warum sich die deutsche Bevölkerung gerade mehr über die verbrannten Autos empört, als über Gewaltexzesse der Polizei. Er zeigt, welche Akzeptanz doch dafür besteht, dass Personen verletzt werden (solange dies keine Polizist_innen sind) und die Polizei Handlungen tätigt, bei denen Menschen zu Tode kommen könnten, solange bei all dem Chaos bloß keine Autos zerstört werden.
Es ist eine Dreistigkeit, dass die Entschädigung der „Opfer“ zu einer „nationalen Aufgabe“ (Martin Schulz) deklariert wird und damit die Autobesitzer_innen gemeint sind, während es für Geflüchtete in den Asylunterkünften, die in Brand gesteckt wurden, keine Entschädigung gibt, für die durch die Polizei Verletzten ebensowenig, auch nicht für die Opfer des NSU und ihre Angehörigen und nicht für sämtliche andere von rechter Gewalt in Deutschland Betroffener.

Es ist nicht nur das zerstörte Objekt „Auto“ mit all seinen Implikationen, das zur Empörung der Twitter-Trolle und der Verfasser_innen der Leser_innenkommentarspalte führen, wichtig ist: Es waren Linke. Hätte die Polizei deren Autos zerstört, würden sie vermutlich sogar Verständnis dafür aufbringen – man muss das tun, denn die Chaoten machen sonst alles kaputt.
Das, was Freitag-/Samstagnacht im Schanzenviertel passiert ist, wird jetzt gleichgesetzt – und zwar nicht nur von Twitter-Trollen, sondern von Politiker_innen, Journalist_innen, usw. – mit IS-Terror und Kriegszuständen (wodurch die Gleichsetzer_innen übrigens ein weiteres Mal beweisen, wie wenig sie sich tatsächlich mit der Taktik und den Zielen des IS auseinandergesetzt haben). Wenn als Vergleichsobjekt nicht gerade der IS herhält, dann betitelt man sie doch zumindest als Faschisten – ohne jede theoretische Fundierung, wie es zu der Verwendung dieses Begriffes kommt.

Der wutbürgerliche Hass auf Linke trägt dazu bei, dass die massive Polizeigewalt seit Donnerstag ausgeblendet wird. Im Falle der „Welcome to Hell“-Demonstration kann sogar der Korrespondent des Deutschlandfunks der Meinung sein, dass die Eskalation von der Polizei ausging, es juckt nicht, denn das sei ja in Ordnung. Es wird nicht darüber gesprochen, warum plötzlich das SEK eingesetzt wird, das sonst überhaupt nicht in Demonstrationen involviert ist und das aus gutem Grund.

polizei
© 24mmjournalism Eine SEK-Spezialeinheit steht in der Menschenmenge am Pferdemarkt, ausgerüstet mit Sturmgewehren.

Zu einer adäquaten Aufarbeitung und Berichterstattung über den G20 gehört, die Gewalt der Polizei und das faktische Außerkraftsetzen sämtlicher Grundrechte vonseiten der Polizei zu thematisieren, zu kritisieren und nicht zuzulassen, dass dies kommentarlos hingenommen wird. Denn, was einmal folgenlos funktioniert hat, wird jederzeit wieder angewandt, wenn die Umstände es zulassen.

Man kann darüber sprechen, was in der Schanze passiert ist und wie es dazu kam, muss man sogar. Aber ohne diese fundamental anti-linke Haltung, die linke Militanz mit dem Terrorismus des IS, Hamburg mit Aleppo gleichsetzt und dabei auf dermaßen krasse und unverhältnismäßige Begrifflichkeiten der Kriegsrhetorik setzt. Angemessen darüber zu sprechen, bedeutet nämlich auch, dass man sich der Polizeigewalt bewusst ist, die für den Verlauf des Wochenendes maßgeblich mitverantwortlich ist.

Eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit der Polizeigewalt, die bei den Protesten gegen den G20-Gipfel so omnipräsent war, ist notwendig. Ebenso, dass diese kritisch geführt und die unbedingte Autorität der Polizei, auch über die Berichterstattung, ernsthaft hinterfragt wird. Lest dazu, was Danijel Majic auf Twitter geschrieben hat.
Am Donnerstag bei der „Welcome to Hell“-Demo, in der Nacht von Freitag auf Samstag hätten Personen sterben können, durch Wasserwerfer, Schlagstöcke, durch Tritte und Schläge von Polizist_innen, Tränengas und durch die Sturmgewehre des SEK. Und die Sektion „Twitter-Wutbürger_innen“ hätte sich darüber vermutlich gefreut. Über all das müssen wir dringend reden.

Tür an Tür. Und niemand kennt sich?

Ich habe seit ein paar Tagen wieder WLAN und fühl mich irgendwie wieder auf eine seltsame Art und Weise „integriert“. Der Umzug ist geschafft, wir haben einige Unannehmlichkeiten meistern müssen, aber jetzt haben wir eine Wohnung, an der wir hoffentlich sehr lange Freude haben werden und die sich hoffentlich auch bald wie Zuhause anfühlen wird. Im Moment ist es nämlich mehr so ein Air B’n’B-„Wir ziehen morgen wieder aus“-Gefühl.

Und mir ist etwas aufgefallen, was ich äußerst seltsam finde: Man zieht in eine Wohnung ein und weiß, dass man gerade im selben Haus lebt, wie einige andere Menschen. Man teilt sich quasi gemeinsam ein paar Quadratmeter, die eben auf mehrere Stockwerke verteilt sind. Man verlässt sich darauf, dass die Nachbarin unter einer nicht morgen ihre Bude abfackelt und der Nachbar nebenan nicht den Keller unter Wasser setzt und der Nachbar über den eigenen vier Wänden nicht irgendeinen Blödsinn mit seinem Boden macht, sodass die eigene Decke darunter leidet. Denn sein Boden ist meine Decke.

Trotzdem: Zumindest in München mache ich meist die Erfahrung, dass man kaum miteinander redet, dass man seine Nachbar_innen mit einem grundsätzlichen Misstrauen versieht, bis doch durch irgendein Ereignis das Eis gebrochen wird. Das ist eigentlich ziemlich schade, finde ich, weil Nachbar_innenschaft richtig toll und wichtig sein kann, wenn man sich mal die Zeit nähme, die Leute kennenzulernen, die da um eine herum wohnen.

Als wir bei Ikea waren und Möbel nach oben getragen haben, hat uns ein Nachbar einfach so von unten noch einen Karton hochgetragen und sich uns vorgestellt, mit Stockwerkangabe. Jetzt weiß ich, wer zwei Stockwerke über mir wohnt und das ist schon einmal eine Person, die ich auf einen Tee einladen würde oder der ich eine Tüte Zucker geben würde (obwohl, da muss man schon sauber was falsch machen, damit man von mir keine Tüte Zucker bekommt, wenn man vor meiner Tür steht).

Es interessiert mich im Moment ziemlich, wer da um uns herum wohnt und das nicht nur aus pragmatischen Gründen, wie: Sind die Leute entspannt, sodass sie nicht sofort vollkommen wütend klingeln, wenn hier mal um 22 Uhr noch Gelächter zu hören ist? Und wenn sie es doch tun: Haben sie vielleicht einen Job, bei dem sie um vier oder fünf Uhr aufstehen müssen, sodass selbstverständlich wäre, dass sie früher Ruhe brauchen? Eben diese Fragen stellen sich für viele gar nicht und ich weiß nicht so richtig, ob es deshalb nicht schon als „aufdringlich“ gewertet würde, wenn wir mit Kuchen vor der Tür der anderen stehen würde und sagen würden: „Hallo, wir sind Ihre neuen Nachbarinnen und wollten uns mal vorstellen.“

Für mich ist Nachbar_innenschaft tatsächlich auch irgendwie ein Politikum. Nachbar_innen sind die Leute, die unmittelbar um dich herum leben und unter Nachbar_innen solidarisch zu sein, kann unglaublich viel wert sein. Gerade in Städten, wie München oder Berlin, wo es Zwangsräumungen gibt und sich Vermieter_innen äußerst fiese Taktiken einfallen lassen, um Mieter_innen los zu werden.

Was ich sagen will: Ich vermute, es lohnt sich, mal auf die Nachbar_innen zuzugehen und zu schauen, wie deren Lebensrealität aussieht, was die so machen und wo es irgendwie Gemeinsamkeiten geben kann. Denn das kann auch dazu beitragen, dass sich im Haus alle wohlfühlen; wenn man weiß, wer es noch so bewohnt.
Spätestens nach dieser Woche muss also eigentlich mal so ein Kuchen her, denn wir haben viel zu spät gebohrt und ich hoffe, dass sich dadurch noch niemand gestört gefühlt hat und wenn ja, dass sie es uns nachsehen.

Und warum Kuchen? Weil Essen die ultimative Praxis ist, um sich kennenzulernen und weil Essen gemeinsam viel mehr Spaß macht, als alleine.

Das neue F Mag: Es braucht mehr als „Mach doch einfach“

File 25-03-2017, 11 41 08Bestimmt habt ihr schon vom neuen Magazin aus dem Gruner&Jahr-Verlag gehört, dem F Mag. Laut Beschreibung ist es das „junge Frauenmagazin von Brigitte“ (also der Zeitschrift) und besteht aus drei Rubriken: Politik, Sex und Lametta, was irgendwie gleichzeitig das Motto der Zeitschrift sein soll.

Eine Freundin hat mir davon erzählt und nannte es in ihrer Beschreibung „feministisch“. Daraufhin bin ich zum nächsten Kiosk geeilt und habe mir ein Exemplar gekauft, während ich auf Twitter las, was andere Leute darüber denken. Viele fanden die Optik unansprechend, einige störten sich an den Schriften, meine Timeline war aber großteils irritiert vom Inhalt. Ein irgendwie feministischer Anspruch dahinter ist durchaus zu erkennen, das macht es aber noch nicht zu einem guten Magazin.

Ich weiß, auch Texte, die nicht durchgängig gegendert sind, können gut sein, aber: als Magazin für junge Frauen, das einen kritischen Blick auf Geschlechterstrukturen werfen will, ständig das generische Maskulinum und fast nie eine Form zu verwenden, die auch trans- und nichtbinäre Identitäten miteinschließt, ist durchaus bitter. Von der Rückseite des Magazins strahlt eine_n der Opel Adams an, zusammen mit dem „Germany’s Next Topmodel“-Logo. Aber man soll sich ja nicht von sog. „Äußerlichkeiten“ beeindrucken lassen. Also: Magazin aufgeblättert und gelesen.

Die Texte sind geprägt von einer „Mach doch einfach!“-Haltung, was ich eigentlich immer gut finde. Aber für ein spannendes, politisches, feministisches Magazin braucht es meiner Meinung nach auch ein wenig Analyse der Frage „Warum kannst du nicht einfach machen?“, das gehört für mich in die „gründliche Analyse“ mit hinein, auf die die Macherinnen laut Seite 4 so stehen. Stattdessen geht es an allen Ecken und Enden eigentlich um Frauen, die eben machen, egal, mit welcher Motivation die das machen.
Und genau hier liegt der weitere Fehler: Allzu oft werden Frauen, die „was machen“, mit Feministinnen verwechselt. Aber Feminismus wird geprägt von und ist vielleicht auch zum Teil eine ganz dezidierte Motivation. Und zu dieser Motivation gehört, denke ich, auch mehr als „Ich mach was Eigenes.“ und „Ich scheiß auf die Struktur.“ Zu dieser Motivation gehört ein Verständnis von gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen und politischen Bewegungen, außerdem eine grundsätzlich antikapitalistische Haltung. Die scheint aber komplett zwischen Sex und Lametta verloren gegangen zu sein.

Letztendlich fragt man sich, für wen das Magazin gemacht wird. Für linke Feministinnen jedenfalls nicht und auch sonst fallen mir sehr wenige Leute ein, denen das Magazin irgendetwas bieten kann. Vielleicht eben Personen, die sowieso schon die Brigitte lesen würden, denen die Brigitte aber zu viel Tipps zum Schlankwerden, Promi-News und einen zu klein ausfallenden Politikteil hat? Immerhin, das F-Mag erklärt Frauen zumindest nicht direkt, wie sie zu sein haben sollen (außer natürlich, dass sie „was machen“ sollen), dafür werden die Erwartungen an Frauen indirekt umso stärker transportiert durch Bildsprache bspw.

Das F Mag will ein Magazin sein für Menschen mit einem Wunsch nach Analyse und „kluger Unterhaltung“ und für Leute, die lesen wollen, was junge Frauen draufhaben. Den letzten Punkt hat das Magazin definitiv verwirklicht, auch wenn ich mich frage, was das bringen soll. Etwas draufzuhaben spricht jetzt noch nicht unbedingt für oder gegen eine Person, die Frage ist ja viel mehr, was die Person dann draufhat.

Und die ersten beiden Punkte haben die Macherinnen in ihrer ersten Ausgabe leider ziemlich runterfallen lassen. Ich finde in dem Magazin keinerlei Analyse und ich finde auch keine „kluge Unterhaltung“ (vielleicht meinten sie damit die Seite „Style und das Geld“ voller „bosshafter Weisheiten“?).
Eigentlich ist das Magazin ein super Beispiel dafür, was passiert, wenn jemand den Plan verfolgt „Politik/Feminismus wieder sexy“ zu machen. Ich finde Politik/Feminismus, der unsexy, dafür radikal („radikal“ nicht im Sinne von rad-fems) und inhaltlich gut fundiert ist, spannender, spaßiger und wichtiger, als das x-te Magazin, das über Frauen schreibt, die eben „was machen“. Denn das F Mag ist leider bisher nicht mehr, als das (aber was nicht ist, kann ja noch werden).