Der Antifakongress Bayern

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Im Vorfeld gab es viel Aufregung um den Antifakongress, der letztes Wochenende im DGB-Haus stattgefunden hat. Den Veranstalter_innen wurde zunächst das DGB-Haus als Veranstaltungsort zugesagt und nach einigen Interventionen durch die Gewerkschaft der Polizei und rechten Medien wieder abgesagt. Im Zuge dessen geriet das, was auf dem Antifakongress letztendlich inhaltlich passierte, vollkommen in den Hintergrund. Egal, was diese Leute bei dem Kongress machen würden, ob Heinrich Heine-Lesung oder Aufruf zu Gewalttaten – das Label reichte, um dem Kongress die Räume zu kündigen. Düstere Zeiten, wenn Antifaschismus keinen Raum mehr haben soll, nicht einmal in einem DGB-Haus.

Nachdem das Vorgehen des DGB öffentlich skandalisiert wurde und der Antifakongress breite gesellschaftliche Unterstützung erfuhr, zog der DGB das Verbot zurück.
Letztendlich war die Kriminalisierung des Kongresses durch die Polizei und rechte Medien eine grandiose Werbung, denn am Samstag war der Kongress ausverkauft und auch bei der Veranstaltung mit Frigga Haug am Freitagabend gab es einen Einlassstopp.

Im Nachgang berichteten zahlreiche Medien über den Kongress und so manche Berichterstattung erschien etwas skurril. Niklas Schenk beispielsweise, Sportjournalist beim BR Zündfunk, kritisiert am Schluss seines Artikels:
„Schade bleibt nur, dass sich die Antifaschisten, die seit den G20-Vorfällen in Hamburg unter ständigem Rechtfertigungsdruck stehen und meist einfach nur als „die Antifa“ und Steinewerfer abgestempelt werden, in keinem einzigen Workshop oder Vortrag mit den Gewaltproblemen in den eigenen Reihen auseinandersetzten.“
Seiner Forderung fehlt der Kontext; offenbar ist nicht klar, worum es beim Antifa-Kongress ging: nämlich um die Auseinandersetzung mit dem gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck und mit antifaschistischen, linken Perspektiven gegen diese Tendenzen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Frank Seibert von BR puls: Er bemerkt zunächst richtig, dass das Publikum auf dem Kongress gar keine „mit „der Antifa“ oft assoziierten sonnenbrillentragenden Kapuzenpulloverjungs“ sind und beklagt anschließend, warum sich auf dem Kongress denn nicht mit „Gewalt in der eigenen Szene“ auseinandergesetzt wird. Das „Argument“ funktioniert also in etwa so: „Ich stelle fest, dass meine Vorstellung vom Publikum nicht stimmt, finde aber trotzdem, dass sie sich mit meiner Vorstellung von ihm intensiv auseinandersetzen und sich bitte auch explizit davon abgrenzen sollten.“

Während diese und andere Journalist_innen verzweifelt nach dem Vortrag „Linker Terror – Kontinuitäten, gesellschaftliche Wahrnehmung und zivilgesellschaftliche Perspektiven“ suchen, zeigt sich PEGIDA-Chef Heinz Meyer auf einer Leinwand mit Paulchen Panther-Figuren und einem Gedicht, in dem zur Jagd auf Antifaschist_innen aufgerufen wird. Das Gedicht enthält nicht nur klare Bezüge zum NSU-Terror, es spielt auch auf das Oktoberfestattentat von 1980 an, bei dem ein Rechtsextremer zwölf Menschen tötete.

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Die Frage, die sich hier stellt, habe ich vor einigen Monaten bereits in Zusammenhang mit der Berichterstattung über den G20 formuliert: Über welche Gewalt wird gesprochen, welche Gewalt bleibt unsichtbar und welchen Gewaltbegriff hat man überhaupt? Scheinbar sitzt die Wut über die zerstörten Autos in Hamburg immer noch so tief, dass man eine Auseinandersetzung damit als relevanter erachtet, anstatt die Auseinandersetzung mit den Morden des NSU, mit rassistischer Gewalt, mit neonazistischer Gewalt in einem Artikel zu thematisieren und auf ihre Wichtigkeit zu verweisen.
Das ist extrem schade und wird den Diskussionen, die auf dem Antifa-Kongress geführt wurden, die extrem produktiv und spannend waren, nicht gerecht.

Und weil ich keine Lust habe, den Inhalt des Kongresses auch vollkommen unerwähnt zu lassen, werde ich demnächst noch ein bisschen was dazu schreiben, was Frigga Haug am Freitagabend zum Verhältnis von Utopien und praktischer Politik erzählt hat.

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Feiern gehen im Patriarchat

Der Plan war eigentlich, nochmal ein paar Worte zu #MeToo zu schreiben, was eher eine Äußerung zur Debatte als ein Debattenbeitrag gewesen wäre. Aufgrund dessen, was mir am Wochenende passiert ist, leiste ich jetzt aber doch irgendwie eine Form von Debattenbeitrag. Darin geht es – natürlich – um sexistische, grenzüberschreitende Gewalt, die in dem Beitrag auch beschrieben wird.

Ich war auf einer Hochzeit (wow, ich hätte gedacht, es dauert noch eine Weile, bis ich einen Post so beginne). Nach der Feier bin ich noch ein bisschen mit Freund_innen tanzen gegangen an einen Ort, an dem ich sehr regelmäßig tanzen gehe (ich war natürlich hoffnungslos overdressed, aber ob over- oder underdressed ist mir immer ziemlich egal). Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich dann angesprochen wurde, eben hin und wieder mal, wie das so ist. An dem Abend aber haben die Ansprachen etwas überhand genommen.

Ziemlich beliebt war es an diesem Abend, mir an den Rücken zu fassen (mein Kleid war rückenfrei), irgendwie darüber zu streichen und manchmal noch dazu meinen Arm festzuhalten, damit ich mich aus der unfreiwilligen Umarmung auch schwerer herauswinden kann. Ein Typ hat es tatsächlich geschafft, vier Mal nicht zu verstehen, dass ich nicht mit ihm reden will und er mich nicht anfassen soll, jeweils im Abstand von zehn bis zwanzig Minuten.

Sein Freund und er saßen irgendwann an der Bar und haben sich über die Frauen im Raum unterhalten, die laut ihnen „verrückt“ seien. Als die Bar zugemacht hat, sind sie aufgestanden und sein Freund hat mir ernsthaft auf den Arsch gehauen. Ich hab mich gewehrt, die Typen sind rausgeflogen, für mich war der Abend gelaufen.

Bei mir passiert jetzt noch viel mehr, der eigentliche Kampf beginnt für mich erst danach. Denn die Fragen kommen, diese Fragen, die man sich eben stellt, wenn man in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft aufwächst; die ich hier nicht wiedergeben will, weil sie keinen Raum verdienen. Die Fragen und die Zweifel und die Beschuldigungen. Viele Freund_innen von mir haben sich danach bei mir gemeldet, um mir zu sagen, dass ich mich richtig verhalten habe und dass es nicht meine Schuld war. Das zu hören, direkt danach, am Tag danach, war verdammt wichtig.

Und jetzt? Für die meisten ist die Sache nach dem Wochenende gegessen. Für mich nicht. Ich sitze jetzt da, mit der Berührungsangst, dem Zwang zu duschen, der Appetitlosigkeit, dem Gefühl, eine viel zu krasse Reaktion auf etwas zu zeigen, was in unserer Gesellschaft so eine Banalität darstellt, und mit der Frage, wie ich jemals mit dieser gewaltvollen Gesellschaft umgehen soll. Denn sich in der Situation zu verteidigen ist das Eine. Danach damit umzugehen, mit allen Folgen, von denen diese Typen keine Ahnung haben, ist das Andere.

Irgendwann tritt der Punkt ein, an dem erwartet wird mit solchen Erlebnissen abzuschließen, fertig zu sein, verarbeitet zu haben. Aufgrund von ewigen Vorgeschichten brauche ich für so etwas Jahre, es kommt immer wieder, ich werde diese Momente noch an die 900 Mal durchleben müssen, ungewollt, in Situationen, in denen es absolut nicht passt.

Ein Freund von mir hat an dem Abend die ganze Sache auf einer soziologischen Ebene kommentiert, was mir in dem Moment total geholfen hat. Irgendeine Metaebene einzunehmen, um mich nicht mehr mit der Unmittelbarkeit des Geschehens auseinandersetzen zu müssen. Und er hat darauf hingewiesen, wie spannend und krass es doch eigentlich ist, dass alle Typen unabhängig voneinander mehr oder weniger dieselben oder ähnliche Arten hatten, mich zu berühren, nämlich immer über diese Rückensache.

Das scheint also irgendwie kollektiv zu funktionieren, ohne dass irgendwann mal gesagt wurde „Hey, fass sie einfach am Rücken an, wenn der frei ist, das funktioniert bestimmt.“ Genau diese Muster sind es, die darauf hinweisen, dass deren Handeln strukturiert wird durch eine in sich patriarchal strukturierte Gesellschaft. Sie müssen sich nicht erst darüber austauschen, wie man mich am besten anfasst, sondern es ist einfach unterbewusst klar, wie sie dabei vorgehen, jedem für sich. Selbes gilt für jede andere Grenzüberschreitung an dem Abend; so, wie von Vornherein klar ist, dass Typen Frauen anfassen dürfen, wann und wie sie wollen.
Deren Handeln ist teilweise also schon vorstrukturiert, was aber nicht heißt, dass sie nicht dafür verantwortlich sind. Eine patriarchal strukturierte Gesellschaft nimmt nämlich durch das Handeln solcher Typen erst ihre spezifische Struktur an und jeder – jeder Typ hat die Möglichkeit Leute nicht einfach ungefragt anzufassen oder anzumachen.

Ich habe keinen Masterplan, wie ich weiter mit diesem Abend verfahren soll. Ich weiß, dass ich in nächster Zeit vorsichtig sein muss, wann ich wohin gehe, weil ich eine Wiederholung der Situation unter keinen Umständen aushalte. Ich weiß, dass ich unendlich viel Zeit brauchen werde und dass ich in großen Teilen alleine damit klarkommen muss. Und ich weiß, dass es diese Typen da draußen zu Hauf gibt und dass sie nicht müde werden Frauen zu belästigen. Diese Verhaltensweisen und diese Anspruchshaltung werden erst aufhören zu existieren, wenn sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etwas ändert.

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Das hab ich ein paar Stunden nach den Vorfällen in meine Instagram-Story geschrieben.

Eine kleine Aktualisierung (6.11.17): Ich habe im Zusammenhang mit #MeToo zwei spannende Artikel gelesen, auf die ich hier gerne noch hinweisen möchte: Der Erste ist ein Artikel aus der ZEIT von Sabine Kray, die statt #MeToo einen Hashtag #FuckYou fordert. Der Zweite ist auf dem Blog feministische studien erschienen und bei diesem Beitrag fand ich besonders den Aspekt der Verfügbarkeit von Frauen, der bei den Äußerungen unter #MeToo so drastisch sichtbar wird, sehr spannend.

Ein Plädoyer für die Straße!

Der Syntagma Platz in Athen ist einer der Hauptplätze in Athen: Dort liegt das Parlamentsgebäude, direkt daneben der Nationalgarten, von diesem Platz aus gelangt man eigentlich überall hin.
Egal, an welchem Sommerabend man dort ist, immer ist etwas los, bis tief in die Nacht hinein: Jugendliche fahren Kunstrad, tanzen Breakdance, Kundgebungen finden spontan statt und es tönt laute Musik aus mehreren Ghettoblastern, deren Besitzer_innen sich darum streiten, wer den besseren Musikgeschmack hat.
Es ist vollkommen selbstverständlich, dass dieser Platz den Bewohner_innen Athens gehört und daher die Ghettoblaster-Besitzer_innen nicht jede Nacht eine Anzeige wegen Ruhestörung bekommen und die Jugendlichen immer aufs Neue verjagt werden.
München wirkt hingegen vor allem nachts auf vielen Straßen, wie eine Stadt, in der Menschen zwar draußen arbeiten, einkaufen gehen, Termine haben, aber nicht wirklich leben.

Das Leben findet hier nämlich weniger auf den Straßen statt, als vielmehr in überteuerten Bars und Clubs – und wenn draußen, dann nur an der Isar oder im Englischen Garten – nur im Sommer, versteht sich. Schade eigentlich, dabei stellt eine intensive Nutzung des öffentlichen Raums ein ganz anderes Stadtbild her:
Wo sich Leute ganz entspannt zwei Klappstühle auf den sowieso breiten Gehweg stellen, um ihr Feierabendbier zu genießen, wo Spätis alias Call Shops nicht nur an der Isar und einigen vereinzelten Orten im Westend oder Schwabing zu finden sind und wo man nicht bei jedem Dezibel mehr befürchten muss, dass gleich die Polizei auf der Matte steht, macht es tatsächlich Spaß, auf den Club für vierzehn und den Cocktail für acht Euro zu verzichten und stattdessen in netter Runde auf der Straße abzuhängen.

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Natürlich, es gibt Regelungen, die die all zu braven Bewohner_innen dieser Stadt davon abhalten, nichts auf die üblichen Konventionen zu geben und den öffentlichen Raum stärker für sich zu beanspruchen. Aber gewisse Möglichkeiten wären da trotzdem noch vorhanden, vor allem in Vierteln wie dem Westend, wo es King Butts und Call Shops gibt, die bis 23 Uhr offen haben.
Außerdem: Selbst wenn die Voraussetzungen hier nicht die Besten sind, lassen sich Änderungen verwirklichen. Das muss nicht, kann aber im Kleinen losgehen: Ab und zu mal seinen Feierabend auf die Straße verlegen und dies nicht alleine zu tun, ist vielleicht eine viel angenehmere Auszeit, als Netflix, mit der Packung Chips als einziger Gesellschaft.

Wenn alle immer behaupten, München wäre eine so langweilige Stadt, trist und grau, dann haben sie damit zumindest in großen Teilen Recht. Aber die Lösung des Ganzen ist nicht einzig und allein der Umzug ins hippe Berlin, sondern auch das Gefühl von Freiraum nach München zu holen. Denn auch Städte wie Hamburg und Berlin leben davon, dass die Menschen wie selbstverständlich Zeit auf den Straßen verbringen, mit oder ohne Musik, Bier und guten Gesprächen.
Ob man es glaubt oder nicht – München hat dafür Potenzial, auch wenn es hier noch Einiges zu erstreiten und erkämpfen gibt.
Was aber mindestens genauso viel zählt wie all die äußeren Umstände ist die Einstellung, dass man die Stadt, in der man lebt, und ihr Bild durch eigene Präsenz prägen und gestalten kann und dass man dazu auch ein Recht hat. Denn aus wem besteht denn diese Stadt letztendlich? Aus denen, die in ihr leben. Also gehört ihnen diese Stadt auch – oder etwa nicht?

Magic City – eine Kunstform braucht ihren Kontext

In München findet im Moment eine Ausstellung mit dem Namen „Magic City“ statt. Das Thema ist Street Art im weitesten Sinne und das Setting, die Location, ist die kleine Olympiahalle.
Eigentlich wollte ich diese Ausstellung gar nicht besuchen, weil ich sie zutiefst widersprüchlich finde. Aber ich wollte wissen, ob sie tatsächlich so unreflektiert ist, wie ich sie mir vorstelle und hatte die Möglichkeit, ihr einen Besuch abzustatten. Man muss manchen Dingen ja durchaus eine Chance geben, um sie danach beurteilen zu können.

Am Anfang der Ausstellung wird ein Film gezeigt, der die Entstehungsgeschichte von Graffiti und Street Art zeigt, wobei Graffiti und Street Art irgendwie gemeinsam verhandelt werden, was problematisch ist.
Bei Street Art liegt der Fokus auf dem künstlerischen Aspekt, es ist ein sehr weiter Begriff für alle möglichen Formen von Kunst, die im urbanen Raum auftreten. Graffiti hingegen ist meiner Meinung nach ein Teil davon, der bestimmte Ausdrucksweisen und Codes besitzt. Graffiti ist beispielsweise meist illegal, wenn nicht bestimmte Flächen in Städten zum Malen legalisiert wurden. Auch die Entstehungsgeschichte von Graffiti spielt sich im Kontext der Illegalität ab.

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Daze – früher hat er U-Bahnen bemalt, dann kamen das Atelier und die normalen Wände.

Trotzdem ist die Darstellung der Geschichte einigermaßen korrekt: Wichtige Personen, wie Lady Pink werden benannt und gezeigt und auch die Kriminalisierung von Graffiti wird ganz deutlich thematisiert und hervorgehoben. Das war eine erste Befürchtung von mir, die nur in Teilen eingetreten ist: Dass nicht zur Genüge klar wird, wie stark Writer – besonders in Städten wie München – von Repression betroffen sind und was es eigentlich inzwischen bedeutet, beim Sprayen erwischt zu werden – Stress, Geld, und noch mehr Stress.

Nun, in der Ausstellung zeigen dann Künstler_innen ihre Form von Street Art. Die Auswahl dieser Personen und Kunststile ist vielseitig und verschieden. Alle gewählten Künstler_innen haben ein gewisses gesellschaftliches Standing: Niemand würde zum Beispiel die Truly-Crew als „Schmierfinke“ betiteln oder ihre Kunst als „Schmiererei“, was sich doch alle Writer, die illegal einen Zug bemalt haben, früher oder später anhören müssten, wenn ihre Tat bekannt wäre – egal, wie gut sie malen.

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Das Werk der Truly-Crew.

Street Art wird in dieser Ausstellung von seiner befriedetsten Seite gezeigt. Natürlich haben die Künstler_innen oftmals politische Anliegen, auf die sie aufmerksam machen und ihre Arbeiten kann man trotzdem für gut, beeindruckend und wunderschön befinden. Aber es sind eben „makellose“ Bilder von Leuten, die teilweise für Geld Stadtwände verschönern und so unkommerzieller, freier Kunst den Raum nehmen.

Und natürlich ist einer solchen Ausstellung ein Widerspruch inhärent. Wir sprechen von „Street Art“, also von Straßenkunst. Sie trägt den Ort, an dem sie stattfindet, im Namen, wird aber durch eine solche Ausstellung ihrem Kontext entrissen. Street Art gehört aber nun einmal auf die Straße und alle Werke wären beeindruckender, wenn sie in dem Kontext blieben, in den sie eigentlich gehörten. So wird nämlich aus der Straßenkunst nur Kunst, die an künstliche Wände geheftet wurde. So richtig will das Bild einfach nicht stimmig werden.

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Herakut – Das Team transportiert viele politische Messages, aber die wären auf der Straße schöner, als in dem künstlichen Setting.

Es stellt sich auch die Frage, ob es eine Ausstellung zu Street Art braucht, wenn eine weitere Eigenschaft von Street Art ist, dass sie überall auffindbar ist. Die eigentliche Ausstellung befindet sich woanders. An der Münchner Stammstrecke, an tausenden Wänden der Stadt, in verlassenen Lagerhallen, auf Zügen, in U- und S-Bahn-Tunneln, sogar auf Mülleimern und Stromkästen. Aber diese Kunst will niemand sehen, denn sie ist ungehorsam und passt nicht in das Stadtbild des so sauberen Münchens.
Diese Stadt findet nach wie vor keinen Umgang damit, dass Kunst außerhalb von Ateliers und Galerien stattfinden kann. Und das, was sich der Ordnung der Stadt entzieht, wird leider nach wie vor bekämpft.

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Und auch dieser Zug wäre in echt und groß und vorbeifahrend noch schöner, denn als kleines Modell in einem weißen Raum.

Worüber nach dem G20 gesprochen werden muss…

Über den G20-Gipfel gäbe es viel zu sagen. Zum Beispiel könnten wir uns über das Treffen der 20 unterhalten, über deren Ergebnisse und Nicht-Ergebnisse diskutieren und darüber, ob Trump und Putin wohl House of Cards gesehen haben.

Wir könnten auch über die Aktionen der G20-Gegner_innen und Kritiker_innen sprechen, wie vielfältig die gewählten Protestformen waren und was für Ziele eigentlich auf die Straße getragen wurden. Und wenn wir darüber sprechen, haben wohl die meisten nur die Bilder von Freitag-/Samstagnacht im Kopf, obwohl der Protest so viel mehr beinhaltete und so viel mehr transportiert hat.
Es ist beeindruckend, dass auf der Demonstration am Samstag über 50.000 Menschen waren. Wenn wir über sie sprächen, müssten wir auch darüber sprechen, warum auf diesen Demos antisemitische Krakensymbolik immer noch geduldet wird (klar, Blöcke unterscheiden sich voneinander, aber solche Figuren und Shirts haben nun mal auf solchen Demos nichts zu suchen).

Und wenn wir über all den Protest sprechen, müssten wir auch darüber sprechen, warum eigentlich die Polizei am Donnerstag die Demonstration stürmte und eine Eskalation herbeiführte, warum in der Nacht von Freitag auf Samstag Grundrechte keine Gültigkeit mehr in Hamburg und vor allem im Schanzenviertel hatten, warum die Polizei wollte, dass es keine Berichterstattung über ihr Vorgehen im Schanzenviertel gibt und warum sich in meiner Twitter-Timeline dokumentierte Rechtsbrüche vonseiten der Polizei nur so häufen.

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© 24mmjournalism Bei der „Welcome to Hell“-Demonstration setzt die Polizei massiv Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas ein.

Tatsächlich wird – wie immer – in großen Teilen ausschließlich über „die Randalierer“, „die Chaoten“, „die Autonomen“ gesprochen, die in der Schanze Läden geplündert und Autos abgefackelt hätten. Im „Neuen Deutschland“ befindet sich ein ganz spannender Artikel über den „Nationalfetisch Auto“ und warum sich die deutsche Bevölkerung gerade mehr über die verbrannten Autos empört, als über Gewaltexzesse der Polizei. Er zeigt, welche Akzeptanz doch dafür besteht, dass Personen verletzt werden (solange dies keine Polizist_innen sind) und die Polizei Handlungen tätigt, bei denen Menschen zu Tode kommen könnten, solange bei all dem Chaos bloß keine Autos zerstört werden.
Es ist eine Dreistigkeit, dass die Entschädigung der „Opfer“ zu einer „nationalen Aufgabe“ (Martin Schulz) deklariert wird und damit die Autobesitzer_innen gemeint sind, während es für Geflüchtete in den Asylunterkünften, die in Brand gesteckt wurden, keine Entschädigung gibt, für die durch die Polizei Verletzten ebensowenig, auch nicht für die Opfer des NSU und ihre Angehörigen und nicht für sämtliche andere von rechter Gewalt in Deutschland Betroffener.

Es ist nicht nur das zerstörte Objekt „Auto“ mit all seinen Implikationen, das zur Empörung der Twitter-Trolle und der Verfasser_innen der Leser_innenkommentarspalte führen, wichtig ist: Es waren Linke. Hätte die Polizei deren Autos zerstört, würden sie vermutlich sogar Verständnis dafür aufbringen – man muss das tun, denn die Chaoten machen sonst alles kaputt.
Das, was Freitag-/Samstagnacht im Schanzenviertel passiert ist, wird jetzt gleichgesetzt – und zwar nicht nur von Twitter-Trollen, sondern von Politiker_innen, Journalist_innen, usw. – mit IS-Terror und Kriegszuständen (wodurch die Gleichsetzer_innen übrigens ein weiteres Mal beweisen, wie wenig sie sich tatsächlich mit der Taktik und den Zielen des IS auseinandergesetzt haben). Wenn als Vergleichsobjekt nicht gerade der IS herhält, dann betitelt man sie doch zumindest als Faschisten – ohne jede theoretische Fundierung, wie es zu der Verwendung dieses Begriffes kommt.

Der wutbürgerliche Hass auf Linke trägt dazu bei, dass die massive Polizeigewalt seit Donnerstag ausgeblendet wird. Im Falle der „Welcome to Hell“-Demonstration kann sogar der Korrespondent des Deutschlandfunks der Meinung sein, dass die Eskalation von der Polizei ausging, es juckt nicht, denn das sei ja in Ordnung. Es wird nicht darüber gesprochen, warum plötzlich das SEK eingesetzt wird, das sonst überhaupt nicht in Demonstrationen involviert ist und das aus gutem Grund.

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© 24mmjournalism Eine SEK-Spezialeinheit steht in der Menschenmenge am Pferdemarkt, ausgerüstet mit Sturmgewehren.

Zu einer adäquaten Aufarbeitung und Berichterstattung über den G20 gehört, die Gewalt der Polizei und das faktische Außerkraftsetzen sämtlicher Grundrechte vonseiten der Polizei zu thematisieren, zu kritisieren und nicht zuzulassen, dass dies kommentarlos hingenommen wird. Denn, was einmal folgenlos funktioniert hat, wird jederzeit wieder angewandt, wenn die Umstände es zulassen.

Man kann darüber sprechen, was in der Schanze passiert ist und wie es dazu kam, muss man sogar. Aber ohne diese fundamental anti-linke Haltung, die linke Militanz mit dem Terrorismus des IS, Hamburg mit Aleppo gleichsetzt und dabei auf dermaßen krasse und unverhältnismäßige Begrifflichkeiten der Kriegsrhetorik setzt. Angemessen darüber zu sprechen, bedeutet nämlich auch, dass man sich der Polizeigewalt bewusst ist, die für den Verlauf des Wochenendes maßgeblich mitverantwortlich ist.

Eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit der Polizeigewalt, die bei den Protesten gegen den G20-Gipfel so omnipräsent war, ist notwendig. Ebenso, dass diese kritisch geführt und die unbedingte Autorität der Polizei, auch über die Berichterstattung, ernsthaft hinterfragt wird. Lest dazu, was Danijel Majic auf Twitter geschrieben hat.
Am Donnerstag bei der „Welcome to Hell“-Demo, in der Nacht von Freitag auf Samstag hätten Personen sterben können, durch Wasserwerfer, Schlagstöcke, durch Tritte und Schläge von Polizist_innen, Tränengas und durch die Sturmgewehre des SEK. Und die Sektion „Twitter-Wutbürger_innen“ hätte sich darüber vermutlich gefreut. Über all das müssen wir dringend reden.

Das neue F Mag: Es braucht mehr als „Mach doch einfach“

File 25-03-2017, 11 41 08Bestimmt habt ihr schon vom neuen Magazin aus dem Gruner&Jahr-Verlag gehört, dem F Mag. Laut Beschreibung ist es das „junge Frauenmagazin von Brigitte“ (also der Zeitschrift) und besteht aus drei Rubriken: Politik, Sex und Lametta, was irgendwie gleichzeitig das Motto der Zeitschrift sein soll.

Eine Freundin hat mir davon erzählt und nannte es in ihrer Beschreibung „feministisch“. Daraufhin bin ich zum nächsten Kiosk geeilt und habe mir ein Exemplar gekauft, während ich auf Twitter las, was andere Leute darüber denken. Viele fanden die Optik unansprechend, einige störten sich an den Schriften, meine Timeline war aber großteils irritiert vom Inhalt. Ein irgendwie feministischer Anspruch dahinter ist durchaus zu erkennen, das macht es aber noch nicht zu einem guten Magazin.

Ich weiß, auch Texte, die nicht durchgängig gegendert sind, können gut sein, aber: als Magazin für junge Frauen, das einen kritischen Blick auf Geschlechterstrukturen werfen will, ständig das generische Maskulinum und fast nie eine Form zu verwenden, die auch trans- und nichtbinäre Identitäten miteinschließt, ist durchaus bitter. Von der Rückseite des Magazins strahlt eine_n der Opel Adams an, zusammen mit dem „Germany’s Next Topmodel“-Logo. Aber man soll sich ja nicht von sog. „Äußerlichkeiten“ beeindrucken lassen. Also: Magazin aufgeblättert und gelesen.

Die Texte sind geprägt von einer „Mach doch einfach!“-Haltung, was ich eigentlich immer gut finde. Aber für ein spannendes, politisches, feministisches Magazin braucht es meiner Meinung nach auch ein wenig Analyse der Frage „Warum kannst du nicht einfach machen?“, das gehört für mich in die „gründliche Analyse“ mit hinein, auf die die Macherinnen laut Seite 4 so stehen. Stattdessen geht es an allen Ecken und Enden eigentlich um Frauen, die eben machen, egal, mit welcher Motivation die das machen.
Und genau hier liegt der weitere Fehler: Allzu oft werden Frauen, die „was machen“, mit Feministinnen verwechselt. Aber Feminismus wird geprägt von und ist vielleicht auch zum Teil eine ganz dezidierte Motivation. Und zu dieser Motivation gehört, denke ich, auch mehr als „Ich mach was Eigenes.“ und „Ich scheiß auf die Struktur.“ Zu dieser Motivation gehört ein Verständnis von gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen und politischen Bewegungen, außerdem eine grundsätzlich antikapitalistische Haltung. Die scheint aber komplett zwischen Sex und Lametta verloren gegangen zu sein.

Letztendlich fragt man sich, für wen das Magazin gemacht wird. Für linke Feministinnen jedenfalls nicht und auch sonst fallen mir sehr wenige Leute ein, denen das Magazin irgendetwas bieten kann. Vielleicht eben Personen, die sowieso schon die Brigitte lesen würden, denen die Brigitte aber zu viel Tipps zum Schlankwerden, Promi-News und einen zu klein ausfallenden Politikteil hat? Immerhin, das F-Mag erklärt Frauen zumindest nicht direkt, wie sie zu sein haben sollen (außer natürlich, dass sie „was machen“ sollen), dafür werden die Erwartungen an Frauen indirekt umso stärker transportiert durch Bildsprache bspw.

Das F Mag will ein Magazin sein für Menschen mit einem Wunsch nach Analyse und „kluger Unterhaltung“ und für Leute, die lesen wollen, was junge Frauen draufhaben. Den letzten Punkt hat das Magazin definitiv verwirklicht, auch wenn ich mich frage, was das bringen soll. Etwas draufzuhaben spricht jetzt noch nicht unbedingt für oder gegen eine Person, die Frage ist ja viel mehr, was die Person dann draufhat.

Und die ersten beiden Punkte haben die Macherinnen in ihrer ersten Ausgabe leider ziemlich runterfallen lassen. Ich finde in dem Magazin keinerlei Analyse und ich finde auch keine „kluge Unterhaltung“ (vielleicht meinten sie damit die Seite „Style und das Geld“ voller „bosshafter Weisheiten“?).
Eigentlich ist das Magazin ein super Beispiel dafür, was passiert, wenn jemand den Plan verfolgt „Politik/Feminismus wieder sexy“ zu machen. Ich finde Politik/Feminismus, der unsexy, dafür radikal („radikal“ nicht im Sinne von rad-fems) und inhaltlich gut fundiert ist, spannender, spaßiger und wichtiger, als das x-te Magazin, das über Frauen schreibt, die eben „was machen“. Denn das F Mag ist leider bisher nicht mehr, als das (aber was nicht ist, kann ja noch werden).

Wohnungssuche Sucks!

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Ich suche ja schon seit relativ langer Zeit eine Wohnung oder ein WG-Zimmer. In München – das wissen alle – ist das besonders schwierig und übrigens nicht erst seit Kurzem. Wohnungsnot gibt es hier schon seit den 70ern, wenn nicht sogar noch früher. Langsam kommt es mir so vor, als wäre es leichter in Bayern trotz „Kein Haus bleibt länger als 24h besetzt!“ ein Haus zu besetzen, als im Münchner Innenraum eine Wohnung zu finden. Düstere Aussichten also.

Diese Sache mit immoscout und Co. habe ich aufgegeben. Als Studierende hat man dort keine Chance: Begehrt auf dem Wohnungsmarkt sind vor allem Pärchen, am besten mit Vollzeit-Job. Weder das eine, noch das andere kann ich bieten. Eine Zeit lang habe ich es bei den Vermieter_innen von Freund_innen versucht und mal hier, mal da angerufen, Unterlagen hingeschickt usw.

Allen Leuten habe ich Bescheid gegeben, sie mögen doch bitte schreiben, wenn sie von freien Zimmern und Wohnungen hören. Da kamen dann auch Angebote, meistens wurde ich aber schon durch die Beschreibung ausgeschlossen (sei es, weil ich zu jung, keine Studentin an der Hochschule München oder ein Mensch mit zu niedrigem Gehalt bin) und ich habe mich nur in ganz seltenen Fällen mal beworben.

Meine skurrilsten Erlebnisse hatte ich eigentlich, wenn ich auf wg-gesucht herumkrebste oder mir Telefonnummern von Zetteln mit Zimmerangeboten abriss, die in der Mensa herumhingen. Ich habe Jurastudenten getroffen, die sich im ersten Gespräch durch „Ich hab nichts gegen Schwarze, aber…“ als potenzielle Mitbewohner disqualifizierten. Ich hatte versucht, meine Erwartungen an meine Mitbewohner_in herunterzuschrauben, aber das ging mir dann doch gegen den Strich.

Und dann habe ich diese Leute getroffen, die auf den ersten Blick einen wahnsinnig freundlichen, umgänglichen und sauberen Eindruck machen, sich bei dem Treffen so verhalten, als wäre man quasi schon eingezogen, und es dann nicht einmal auf die Kette kriegen, trotz des Versprechens „Ich werde mich auf jeden Fall bei dir melden.“ zu schreiben und mir als Wartender mitzuteilen, dass das Zimmer leider an jemand anderen vergeben wurde. Auch wenn ich in diesen Momenten gerne „Blöd, dass ich jetzt weiß, wo du wohnst.“ antworten würde, reiße ich mich zusammen, bedanke mich ganz höflich für die Antwort und beschließe, nie mehr die Seite wg-gesucht aufzurufen. Zwei Tage später sitze ich wieder davor.

Viele Freund_innen haben mir unterschiedliche Herangehensweisen empfohlen, von immoscout über Bossert Immobilien über bestimmte Vermieter kontaktieren bis hin zum klassischen Zettel in den Vierteln aufhängen. Nichts davon hat bisher funktioniert.
Man kennt diese Geschichten von denjenigen, die eineinhalb Jahre, manchmal länger gesucht haben, bis es etwas gab. Man kennt auch die fast schon wie Märchen anmutenden Begebenheiten, bei denen noch während des Zettel Aufhängens eine Frau kam und den Suchenden eine Wohnung anbot, bei denen nach drei, vier Wochen oder wenigen Monaten die absolut perfekte Wohnung gefunden wurde, die aus unerklärlichen Gründen einfach nicht teuer ist.
Man hört sie, die Erzählungen von den netten Vermieter_innen, die studierendenfreundlich sind, junge Leute in ihren Wohnungen haben wollen und so ganz anders sind, als die Vorstellung von Vermieter_innen. Aber sie begegnen einer irgendwie nie. Dieses „Glück“, von dem alle behaupten, man muss es haben bei der Wohnungssuche, wo kann man das bestellen?

Ich für meinen Teil suche weiter, wohlwissend, dass es noch sehr lange dauern kann, bis ich fündig werde. Selbstverständlich, diese Vorstellungsgespräche in WGs, bei denen man sich vornimmt, ehrlich zu sein, dann aber vergisst zu erwähnen, dass man vegan lebt, bei denen man sich ungewollt trotzdem verstellt und alles Negative außen vor lässt nerven, ermüden, lassen verzweifeln, nagen am Selbstwertgefühl.

Genauso die Wohnungsbesichtigungen, das Sehen von perfekten und wunderbaren Wohnungen, um dann ein paar Tage später die Absage zu kassieren, wenn die Anfrage nicht einfach sowieso stillschweigend vergessen wird. Diese Wohnungsbesichtigungen zeigen immer, wie es sein könnte. Und implizieren gleichzeitig, dass es nicht so ist und das es mit größter Wahrscheinlichkeit auch nie so sein wird. Wie gesagt: Düstere Aussichten.