Vorlesen und Einsprechen

Ich habe mich in den letzten Tagen und Wochen viel damit beschäftigt, wie man eigentlich jemand, wie Rufus Beck oder Thomas Fritsch wird. Rufus Beck hat die Harry Potter-Bücher eingesprochen und diese Hörbücher haben mich zum ersten Mal (mit 10 Jahren oder so) darüber nachdenken lassen, wer eigentlich dieser Mensch ist, der mir da mit so vielseitiger Stimme vorliest. Ich weiß noch, dass ich eine ganze Weile auch dachte, dass dieses Hörbuch von mehreren Leuten eingelesen wurde.

Und Thomas Fritsch ist die Synchronstimme von vielen großartigen Filmfiguren, in „König der Löwen“ ist er mir zum ersten Mal als deutsche Vertonung von Scar aufgefallen. Ich bin unglaublich fasziniert von seiner Stimme und von der Art und Weise, wie er sich an seinen zu synchronisierenden Figuren orientiert, sodass eine überaus stimmige visuelle und auditive Wahrnehmung entsteht. Ob als Scar, als Aslan in „Narnia“, als Brom in „Eragon“ oder als übler, bösewichtiger Mund Saurons – durch seine Stimme transportiert er unglaublich viele Charaktereigenschaften der Figuren.

Kurzer Exkurs zu meinen Beobachtungen bzgl. der Geschlechtlichkeit von Stimmen

Die beiden Stimmen, die ich genannt habe, sind männliche Stimmen. Ich meine schon jetzt zu bemerken, dass viele Hörbücher, vor allem Krimis und Thriller, von Männern eingesprochen werden. Kinderbücher hingegen habe ich oft von Frauen eingesprochen gefunden. Auch spannend in Bezug auf die Frage nach dem Geschlecht der Stimme ist der Stimmklang bei Synchronsprecherinnen.

Ich hatte das Gefühl, dass die wirklich bekannten weiblichen Stimmen einen bestimmten sexuellen Unterton haben. Sie sind selten sonderlich tief, klingen immer entweder „süß“ oder „sexy“ – wobei das eben eine Frage des Ohres und der Wahrnehmung ist, mit der es eventuell nur mir so geht.

Im Gegenzug dazu weisen männliche Synchronsprecher oftmals eine sehr tiefe, kraftvolle, oft auch ruhige Stimme auf. Aber das können auch Projektionen und unzulässige Zuschreibungen sein, die an einer bestimmten Art der Wahrnehmung – meiner Wahrnehmung – liegen. Um darüber genaueres sagen zu können, muss ich mich vermutlich noch mehr damit beschäftigen, bisher ist es nur eine These.

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Was man für die (professionelle) Stimmbildung machen kann/sollte

Synchronsprechen und Hörbücher einsprechen, Bücher vorlesen fasziniert mich schon eine ganze Weile, aber neulich habe ich mich mal etwas bewusster damit beschäftigt, als ich über Podcasten, Sprechen, Stimmgebung usw. nachgedacht habe. Und dann habe ich mich darüber informiert, wie man eigentlich diesen Beruf ergreifen kann. Sehr hilfreich war dabei für mich eine Beitragsserie dazu im Audible Magazin.

Prinzipiell ist es notwendig, in irgendeiner Weise seine Stimme professionell auszubilden und zu fördern. Dafür gibt es Schauspielschulen, spezielle Sprecher_innenausbildungen, kürzer andauernde Kurse und Stimmtrainings, sowie eine Reihe anderer Angebote. Manche Sprecher_innen sind Radiojournalist_innen, einige bekannte Stimmen haben allerdings auch einen Quereinstieg geschafft.
Leider sind all diese Ausbildungswege oftmals unglaublich teuer oder an andere voraussetzungsreiche Bedingungen geknüpft, weshalb ich eigentlich schon wieder frustriert aufgeben wollte.

Aber dann dachte ich mir, warum nicht einfach mal ein wenig üben? In allen Beiträgen, die ich dazu gelesen habe, wird ganz deutlich hervorgehoben, wie wichtig die Übung im Einzelnen, im Privaten ist. Und deshalb nehme ich mich jetzt jeden Tag mindestens eine halbe Stunde auf, Tendenz steigend, damit ich meine Stimme auf langes Sprechen und mein Hirn auf langes, konzentriertes lautes (Vor-)Lesen/(Vor-)Spielen trainiere. Genremäßig möchte ich mich gar nicht festlegen, weil man eigentlich die Fähigkeit braucht, jeden beliebigen Text zu performen. Gerade lese ich ein eher theoretisches Buch zu Antikommunismus, danach möchte ich mich einer Erzählung widmen, auch mal einen Krimi, Texte für die Uni oder philosophische Texte einlesen.

Vorlesen und Einsprechen heißt: Performen

Warum ‚performen‘ und nicht ‚lesen‘? Ein weiteres Detail, was ich in der Auseinandersetzung mit dem Thema gelernt habe: Der Text, der eingelesen wird, will nicht einfach vorgelesen werden. Er will im Vorlesen schauspielerisch ausgestaltet, eben performt werden, deshalb gehört zum Hörbücher Einsprechen mehr dazu, als eine schöne Stimme und gute Vorlesefähigkeit. Es braucht eine überzeugende, eigene Art und Weise den Text darzubieten. Und das ist gar nicht so einfach, wie ich schon gemerkt habe. Auch Rufus Beck begreift Hörbücher einsprechen weniger als lesen und vielmehr als „vortragen“. Das Interview mit ihm über seine Arbeit an den Harry Potter-Hörbüchern fand ich ganz aufschlussreich diesbezüglich:

Wenn ich mir das von mir Vorgelesene anhöre, fallen mir immer unglaublich viele Details auf, auf die ich im Vorgang des Lesens nicht achte. Beispielsweise lese ich zwar schon eher langsam, aber immer noch zu schnell für diese Art der Performanz. Manchmal verschlucke ich außerdem Silben in der Mitte von Wörtern oder spreche ein Wort undeutlich aus. Und ich werde wahnsinnig schnell müde und unkonzentriert, deshalb ist Übung so essentiell, glaube ich.

Erstmal erhoffe ich mir jetzt keine großen Erfolge, im Moment mache ich das eher für mich. Klar, ich denke auch daran, dass diese Sache eine gute Übung für meinen geplanten Podcast ist, weil natürlich dafür Stimme, Betonung, Sprechfluss, usw. essentiell sind. Und ich stelle fest, dass mir dieses Einlesen und Texte so performen unglaublich viel Spaß macht, mich ein bisschen an vergangene Slam-Zeiten erinnert und dass ich dabei sehr viel lerne, irgendwie gutes Selbststudium betreiben kann.

Wer das Thema so spannend findet, wie ich, möge sich doch mal diese kurze Einsprech-Sequenz mit Thomas Fritsch ansehen. Daran kann man meiner Meinung nach ganz gut sehen, wie groß doch eigentlich der schauspielerischer Anteil am Einsprechen ist:

 

Wenn ihr Tipps oder ähnliches zu diesem Thema habt, schreibt mir gerne. Auch über Ideen für Texte zum Üben freue ich mich!

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Der Versuch einer realitätsgetreuen Darstellung meines Dezembers

[Achtung, hier versinkt jemand im Selbstmitleid]

Ich wünsche mir eine Weihnachtszeit, wie bei Pinterest: Die Füße in dicke Wollsocken gepackt hochlegen, mit einer Tasse heißer Schokolade und selbst gestrickten Pullis im Bett liegen, spannende Bücher lesen (alte Ausgaben, versteht sich von selbst) und ab und zu eine Mandarine snacken, die perfekt drapiert auf einem Tablett zwischen ein paar Plätzchen, einem Chai und einer Christbaumkugel liegt.

Oder einen Dezember, wie er mir auf sämtlichen Instagram-Posts entgegenstrahlt: weiße Landschafen, deren Makellosigkeit nur durch eine Person mit gelber Mütze und Mantel oder dickstem Winterpulli gestört – oder ergänzt, je nach Perspektive – wird. Manchmal blinkt noch ein zugefrorener See durch das Bild, hin und wieder wird der stille Schnee durch einen sprudelnden Fluss kontrastiert und um die Idylle wirklich perfekt zu machen, steht im Zentrum des Bildes eine verschneite Hütte, von der alle Betrachter_innen wissen, dass darin die herrlichste Wärme der Welt herrscht und eine Person am Ofen sitzt, die ganz vergnügt die komplette Szenerie festhält und bei Pinterest hochlädt…

Auch wenn das Verhältnis zwischen Social Media und materiell fassbarer Wirklichkeit ein schwieriges und nicht zu einfach darstellbares ist, auch wenn sich beides nicht trennen lässt, weiß ich doch eines: Meine Weihnachtszeit sah bisher immer anders aus.
Plätzchen werden nie ganz entspannt gebacken, sondern irgendwann zwischen Arbeit und Training oder Uni; sobald endlich der Ofen ausgemacht werden kann, sprintet man auch schon los, die Plätzchen auf dem Blech liegengelassen, ohne jede Zeit zu kosten oder nur anzuschauen, geschweige denn zu dekorieren.
Schließlich werden am 21. höchst gestresst Geschenke gekauft und bestellt in der Hoffnung, dass sie noch rechtzeitig geliefert werden. Und auch für die Feiertage ist ganz klar: Nicht entspannt Plätzchen Essen steht auf dem Programm, sondern die Uni-Texte und andere Arbeit nachholen, die eben auf dem Weg zum 24. liegengeblieben ist.

Wirklich essentieller Bestandteil von Weihnachtszeit ist nämlich, aus mir nach wie vor unerfindlichen Gründen, dass man dreimal mehr Arbeit hat, als sonst, selbst wenn man nicht in einer Konditorei, einem Schokoladengeschäft oder sonstigen Kaufhaus arbeitet. Die immer als flache Hierarchien beschriebenen Machtkonstellationen helfen da auch nicht weiter, denn an die Stelle des „Kümmere dich um das“-Satzes in starren Hierarchien tritt bei vermeintlich flachen Hierarchien eben die „Könntest du dich darum kümmern?“-Frage, wobei allen Beteiligten klar ist, dass auf die Frage nur eine Antwort existiert – und das übrigens das ganze Jahr.
Auch im Unibetrieb fallen allen Menschen plötzlich noch einhundert Dinge ein, die dringend vor Weihnachten passieren sollten. Hier noch ein schnell geschriebenes Essay, da ein knackiges Input-Referat und die Sitzung kurz vor Weihnachten muss ja auch irgendjemand moderieren.

Seit dem 1. Dezember warte ich auf diesen Abend, an dem ich mich so fühle wie auf einem Pinterest-Post. Ich erwarte gar keinen Schnee, keine idyllische Winterlandschaft oder allabendliches Glühweintrinken. Nur ein bisschen Tee, ein gutes Buch und Zeit, mich an meinen Podcast zu setzen, mich mit Freund_innen zu verabreden, irgendwie dieses prä-weihnachtliche Rauschen auch ein bisschen zu genießen. Wobei – wenn ich es mir recht überlege: Eigentlich wäre ich auch schon froh, wenn ich zumindest meine Uni-Seminare vorbereiten würde und nicht so viel Arbeit liegenbliebe, weil ich dann doch irgendwann schlafen muss.

So, und um dem ganzen Instagram-Pinterest-Weihnachts-Winter-Spaß, der mich halb frustriert, halb wütend macht, mein Stück Realität entgegenzusetzen, gibt es hier ein Bild aus meinem Dezember. Denn seit dem 1. Dezember sieht mein Schreibtisch so aus und ich finde es in Ordnung.

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In zweierlei Hoffnung – einerseits, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht und andererseits, dass ihr das Gefühl unter keinen Umständen kennt – wünsche ich euch einen schönen weiteren Dezember. Ich habe eigentlich viele Schreibideen, die sich im Moment in meinem Bullet Journal aneinanderreihen und ich hoffe, ich komme bald dazu, ein paar anzugehen.
Bis dahin viele Grüße aus dem Labor für realitätsgetreue und unperfekte Dezember-Fotografie.

Der Antifakongress Bayern

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Im Vorfeld gab es viel Aufregung um den Antifakongress, der letztes Wochenende im DGB-Haus stattgefunden hat. Den Veranstalter_innen wurde zunächst das DGB-Haus als Veranstaltungsort zugesagt und nach einigen Interventionen durch die Gewerkschaft der Polizei und rechten Medien wieder abgesagt. Im Zuge dessen geriet das, was auf dem Antifakongress letztendlich inhaltlich passierte, vollkommen in den Hintergrund. Egal, was diese Leute bei dem Kongress machen würden, ob Heinrich Heine-Lesung oder Aufruf zu Gewalttaten – das Label reichte, um dem Kongress die Räume zu kündigen. Düstere Zeiten, wenn Antifaschismus keinen Raum mehr haben soll, nicht einmal in einem DGB-Haus.

Nachdem das Vorgehen des DGB öffentlich skandalisiert wurde und der Antifakongress breite gesellschaftliche Unterstützung erfuhr, zog der DGB das Verbot zurück.
Letztendlich war die Kriminalisierung des Kongresses durch die Polizei und rechte Medien eine grandiose Werbung, denn am Samstag war der Kongress ausverkauft und auch bei der Veranstaltung mit Frigga Haug am Freitagabend gab es einen Einlassstopp.

Im Nachgang berichteten zahlreiche Medien über den Kongress und so manche Berichterstattung erschien etwas skurril. Niklas Schenk beispielsweise, Sportjournalist beim BR Zündfunk, kritisiert am Schluss seines Artikels:
„Schade bleibt nur, dass sich die Antifaschisten, die seit den G20-Vorfällen in Hamburg unter ständigem Rechtfertigungsdruck stehen und meist einfach nur als „die Antifa“ und Steinewerfer abgestempelt werden, in keinem einzigen Workshop oder Vortrag mit den Gewaltproblemen in den eigenen Reihen auseinandersetzten.“
Seiner Forderung fehlt der Kontext; offenbar ist nicht klar, worum es beim Antifa-Kongress ging: nämlich um die Auseinandersetzung mit dem gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck und mit antifaschistischen, linken Perspektiven gegen diese Tendenzen.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Frank Seibert von BR puls: Er bemerkt zunächst richtig, dass das Publikum auf dem Kongress gar keine „mit „der Antifa“ oft assoziierten sonnenbrillentragenden Kapuzenpulloverjungs“ sind und beklagt anschließend, warum sich auf dem Kongress denn nicht mit „Gewalt in der eigenen Szene“ auseinandergesetzt wird. Das „Argument“ funktioniert also in etwa so: „Ich stelle fest, dass meine Vorstellung vom Publikum nicht stimmt, finde aber trotzdem, dass sie sich mit meiner Vorstellung von ihm intensiv auseinandersetzen und sich bitte auch explizit davon abgrenzen sollten.“

Während diese und andere Journalist_innen verzweifelt nach dem Vortrag „Linker Terror – Kontinuitäten, gesellschaftliche Wahrnehmung und zivilgesellschaftliche Perspektiven“ suchen, zeigt sich PEGIDA-Chef Heinz Meyer auf einer Leinwand mit Paulchen Panther-Figuren und einem Gedicht, in dem zur Jagd auf Antifaschist_innen aufgerufen wird. Das Gedicht enthält nicht nur klare Bezüge zum NSU-Terror, es spielt auch auf das Oktoberfestattentat von 1980 an, bei dem ein Rechtsextremer zwölf Menschen tötete.

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Die Frage, die sich hier stellt, habe ich vor einigen Monaten bereits in Zusammenhang mit der Berichterstattung über den G20 formuliert: Über welche Gewalt wird gesprochen, welche Gewalt bleibt unsichtbar und welchen Gewaltbegriff hat man überhaupt? Scheinbar sitzt die Wut über die zerstörten Autos in Hamburg immer noch so tief, dass man eine Auseinandersetzung damit als relevanter erachtet, anstatt die Auseinandersetzung mit den Morden des NSU, mit rassistischer Gewalt, mit neonazistischer Gewalt in einem Artikel zu thematisieren und auf ihre Wichtigkeit zu verweisen.
Das ist extrem schade und wird den Diskussionen, die auf dem Antifa-Kongress geführt wurden, die extrem produktiv und spannend waren, nicht gerecht.

Und weil ich keine Lust habe, den Inhalt des Kongresses auch vollkommen unerwähnt zu lassen, werde ich demnächst noch ein bisschen was dazu schreiben, was Frigga Haug am Freitagabend zum Verhältnis von Utopien und praktischer Politik erzählt hat.

Feiern gehen im Patriarchat

Der Plan war eigentlich, nochmal ein paar Worte zu #MeToo zu schreiben, was eher eine Äußerung zur Debatte als ein Debattenbeitrag gewesen wäre. Aufgrund dessen, was mir am Wochenende passiert ist, leiste ich jetzt aber doch irgendwie eine Form von Debattenbeitrag. Darin geht es – natürlich – um sexistische, grenzüberschreitende Gewalt, die in dem Beitrag auch beschrieben wird.

Ich war auf einer Hochzeit (wow, ich hätte gedacht, es dauert noch eine Weile, bis ich einen Post so beginne). Nach der Feier bin ich noch ein bisschen mit Freund_innen tanzen gegangen an einen Ort, an dem ich sehr regelmäßig tanzen gehe (ich war natürlich hoffnungslos overdressed, aber ob over- oder underdressed ist mir immer ziemlich egal). Es ist schon öfter vorgekommen, dass ich dann angesprochen wurde, eben hin und wieder mal, wie das so ist. An dem Abend aber haben die Ansprachen etwas überhand genommen.

Ziemlich beliebt war es an diesem Abend, mir an den Rücken zu fassen (mein Kleid war rückenfrei), irgendwie darüber zu streichen und manchmal noch dazu meinen Arm festzuhalten, damit ich mich aus der unfreiwilligen Umarmung auch schwerer herauswinden kann. Ein Typ hat es tatsächlich geschafft, vier Mal nicht zu verstehen, dass ich nicht mit ihm reden will und er mich nicht anfassen soll, jeweils im Abstand von zehn bis zwanzig Minuten.

Sein Freund und er saßen irgendwann an der Bar und haben sich über die Frauen im Raum unterhalten, die laut ihnen „verrückt“ seien. Als die Bar zugemacht hat, sind sie aufgestanden und sein Freund hat mir ernsthaft auf den Arsch gehauen. Ich hab mich gewehrt, die Typen sind rausgeflogen, für mich war der Abend gelaufen.

Bei mir passiert jetzt noch viel mehr, der eigentliche Kampf beginnt für mich erst danach. Denn die Fragen kommen, diese Fragen, die man sich eben stellt, wenn man in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft aufwächst; die ich hier nicht wiedergeben will, weil sie keinen Raum verdienen. Die Fragen und die Zweifel und die Beschuldigungen. Viele Freund_innen von mir haben sich danach bei mir gemeldet, um mir zu sagen, dass ich mich richtig verhalten habe und dass es nicht meine Schuld war. Das zu hören, direkt danach, am Tag danach, war verdammt wichtig.

Und jetzt? Für die meisten ist die Sache nach dem Wochenende gegessen. Für mich nicht. Ich sitze jetzt da, mit der Berührungsangst, dem Zwang zu duschen, der Appetitlosigkeit, dem Gefühl, eine viel zu krasse Reaktion auf etwas zu zeigen, was in unserer Gesellschaft so eine Banalität darstellt, und mit der Frage, wie ich jemals mit dieser gewaltvollen Gesellschaft umgehen soll. Denn sich in der Situation zu verteidigen ist das Eine. Danach damit umzugehen, mit allen Folgen, von denen diese Typen keine Ahnung haben, ist das Andere.

Irgendwann tritt der Punkt ein, an dem erwartet wird mit solchen Erlebnissen abzuschließen, fertig zu sein, verarbeitet zu haben. Aufgrund von ewigen Vorgeschichten brauche ich für so etwas Jahre, es kommt immer wieder, ich werde diese Momente noch an die 900 Mal durchleben müssen, ungewollt, in Situationen, in denen es absolut nicht passt.

Ein Freund von mir hat an dem Abend die ganze Sache auf einer soziologischen Ebene kommentiert, was mir in dem Moment total geholfen hat. Irgendeine Metaebene einzunehmen, um mich nicht mehr mit der Unmittelbarkeit des Geschehens auseinandersetzen zu müssen. Und er hat darauf hingewiesen, wie spannend und krass es doch eigentlich ist, dass alle Typen unabhängig voneinander mehr oder weniger dieselben oder ähnliche Arten hatten, mich zu berühren, nämlich immer über diese Rückensache.

Das scheint also irgendwie kollektiv zu funktionieren, ohne dass irgendwann mal gesagt wurde „Hey, fass sie einfach am Rücken an, wenn der frei ist, das funktioniert bestimmt.“ Genau diese Muster sind es, die darauf hinweisen, dass deren Handeln strukturiert wird durch eine in sich patriarchal strukturierte Gesellschaft. Sie müssen sich nicht erst darüber austauschen, wie man mich am besten anfasst, sondern es ist einfach unterbewusst klar, wie sie dabei vorgehen, jedem für sich. Selbes gilt für jede andere Grenzüberschreitung an dem Abend; so, wie von Vornherein klar ist, dass Typen Frauen anfassen dürfen, wann und wie sie wollen.
Deren Handeln ist teilweise also schon vorstrukturiert, was aber nicht heißt, dass sie nicht dafür verantwortlich sind. Eine patriarchal strukturierte Gesellschaft nimmt nämlich durch das Handeln solcher Typen erst ihre spezifische Struktur an und jeder – jeder Typ hat die Möglichkeit Leute nicht einfach ungefragt anzufassen oder anzumachen.

Ich habe keinen Masterplan, wie ich weiter mit diesem Abend verfahren soll. Ich weiß, dass ich in nächster Zeit vorsichtig sein muss, wann ich wohin gehe, weil ich eine Wiederholung der Situation unter keinen Umständen aushalte. Ich weiß, dass ich unendlich viel Zeit brauchen werde und dass ich in großen Teilen alleine damit klarkommen muss. Und ich weiß, dass es diese Typen da draußen zu Hauf gibt und dass sie nicht müde werden Frauen zu belästigen. Diese Verhaltensweisen und diese Anspruchshaltung werden erst aufhören zu existieren, wenn sich auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etwas ändert.

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Das hab ich ein paar Stunden nach den Vorfällen in meine Instagram-Story geschrieben.

Eine kleine Aktualisierung (6.11.17): Ich habe im Zusammenhang mit #MeToo zwei spannende Artikel gelesen, auf die ich hier gerne noch hinweisen möchte: Der Erste ist ein Artikel aus der ZEIT von Sabine Kray, die statt #MeToo einen Hashtag #FuckYou fordert. Der Zweite ist auf dem Blog feministische studien erschienen und bei diesem Beitrag fand ich besonders den Aspekt der Verfügbarkeit von Frauen, der bei den Äußerungen unter #MeToo so drastisch sichtbar wird, sehr spannend.

Magic City – eine Kunstform braucht ihren Kontext

In München findet im Moment eine Ausstellung mit dem Namen „Magic City“ statt. Das Thema ist Street Art im weitesten Sinne und das Setting, die Location, ist die kleine Olympiahalle.
Eigentlich wollte ich diese Ausstellung gar nicht besuchen, weil ich sie zutiefst widersprüchlich finde. Aber ich wollte wissen, ob sie tatsächlich so unreflektiert ist, wie ich sie mir vorstelle und hatte die Möglichkeit, ihr einen Besuch abzustatten. Man muss manchen Dingen ja durchaus eine Chance geben, um sie danach beurteilen zu können.

Am Anfang der Ausstellung wird ein Film gezeigt, der die Entstehungsgeschichte von Graffiti und Street Art zeigt, wobei Graffiti und Street Art irgendwie gemeinsam verhandelt werden, was problematisch ist.
Bei Street Art liegt der Fokus auf dem künstlerischen Aspekt, es ist ein sehr weiter Begriff für alle möglichen Formen von Kunst, die im urbanen Raum auftreten. Graffiti hingegen ist meiner Meinung nach ein Teil davon, der bestimmte Ausdrucksweisen und Codes besitzt. Graffiti ist beispielsweise meist illegal, wenn nicht bestimmte Flächen in Städten zum Malen legalisiert wurden. Auch die Entstehungsgeschichte von Graffiti spielt sich im Kontext der Illegalität ab.

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Daze – früher hat er U-Bahnen bemalt, dann kamen das Atelier und die normalen Wände.

Trotzdem ist die Darstellung der Geschichte einigermaßen korrekt: Wichtige Personen, wie Lady Pink werden benannt und gezeigt und auch die Kriminalisierung von Graffiti wird ganz deutlich thematisiert und hervorgehoben. Das war eine erste Befürchtung von mir, die nur in Teilen eingetreten ist: Dass nicht zur Genüge klar wird, wie stark Writer – besonders in Städten wie München – von Repression betroffen sind und was es eigentlich inzwischen bedeutet, beim Sprayen erwischt zu werden – Stress, Geld, und noch mehr Stress.

Nun, in der Ausstellung zeigen dann Künstler_innen ihre Form von Street Art. Die Auswahl dieser Personen und Kunststile ist vielseitig und verschieden. Alle gewählten Künstler_innen haben ein gewisses gesellschaftliches Standing: Niemand würde zum Beispiel die Truly-Crew als „Schmierfinke“ betiteln oder ihre Kunst als „Schmiererei“, was sich doch alle Writer, die illegal einen Zug bemalt haben, früher oder später anhören müssten, wenn ihre Tat bekannt wäre – egal, wie gut sie malen.

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Das Werk der Truly-Crew.

Street Art wird in dieser Ausstellung von seiner befriedetsten Seite gezeigt. Natürlich haben die Künstler_innen oftmals politische Anliegen, auf die sie aufmerksam machen und ihre Arbeiten kann man trotzdem für gut, beeindruckend und wunderschön befinden. Aber es sind eben „makellose“ Bilder von Leuten, die teilweise für Geld Stadtwände verschönern und so unkommerzieller, freier Kunst den Raum nehmen.

Und natürlich ist einer solchen Ausstellung ein Widerspruch inhärent. Wir sprechen von „Street Art“, also von Straßenkunst. Sie trägt den Ort, an dem sie stattfindet, im Namen, wird aber durch eine solche Ausstellung ihrem Kontext entrissen. Street Art gehört aber nun einmal auf die Straße und alle Werke wären beeindruckender, wenn sie in dem Kontext blieben, in den sie eigentlich gehörten. So wird nämlich aus der Straßenkunst nur Kunst, die an künstliche Wände geheftet wurde. So richtig will das Bild einfach nicht stimmig werden.

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Herakut – Das Team transportiert viele politische Messages, aber die wären auf der Straße schöner, als in dem künstlichen Setting.

Es stellt sich auch die Frage, ob es eine Ausstellung zu Street Art braucht, wenn eine weitere Eigenschaft von Street Art ist, dass sie überall auffindbar ist. Die eigentliche Ausstellung befindet sich woanders. An der Münchner Stammstrecke, an tausenden Wänden der Stadt, in verlassenen Lagerhallen, auf Zügen, in U- und S-Bahn-Tunneln, sogar auf Mülleimern und Stromkästen. Aber diese Kunst will niemand sehen, denn sie ist ungehorsam und passt nicht in das Stadtbild des so sauberen Münchens.
Diese Stadt findet nach wie vor keinen Umgang damit, dass Kunst außerhalb von Ateliers und Galerien stattfinden kann. Und das, was sich der Ordnung der Stadt entzieht, wird leider nach wie vor bekämpft.

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Und auch dieser Zug wäre in echt und groß und vorbeifahrend noch schöner, denn als kleines Modell in einem weißen Raum.

Worüber nach dem G20 gesprochen werden muss…

Über den G20-Gipfel gäbe es viel zu sagen. Zum Beispiel könnten wir uns über das Treffen der 20 unterhalten, über deren Ergebnisse und Nicht-Ergebnisse diskutieren und darüber, ob Trump und Putin wohl House of Cards gesehen haben.

Wir könnten auch über die Aktionen der G20-Gegner_innen und Kritiker_innen sprechen, wie vielfältig die gewählten Protestformen waren und was für Ziele eigentlich auf die Straße getragen wurden. Und wenn wir darüber sprechen, haben wohl die meisten nur die Bilder von Freitag-/Samstagnacht im Kopf, obwohl der Protest so viel mehr beinhaltete und so viel mehr transportiert hat.
Es ist beeindruckend, dass auf der Demonstration am Samstag über 50.000 Menschen waren. Wenn wir über sie sprächen, müssten wir auch darüber sprechen, warum auf diesen Demos antisemitische Krakensymbolik immer noch geduldet wird (klar, Blöcke unterscheiden sich voneinander, aber solche Figuren und Shirts haben nun mal auf solchen Demos nichts zu suchen).

Und wenn wir über all den Protest sprechen, müssten wir auch darüber sprechen, warum eigentlich die Polizei am Donnerstag die Demonstration stürmte und eine Eskalation herbeiführte, warum in der Nacht von Freitag auf Samstag Grundrechte keine Gültigkeit mehr in Hamburg und vor allem im Schanzenviertel hatten, warum die Polizei wollte, dass es keine Berichterstattung über ihr Vorgehen im Schanzenviertel gibt und warum sich in meiner Twitter-Timeline dokumentierte Rechtsbrüche vonseiten der Polizei nur so häufen.

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© 24mmjournalism Bei der „Welcome to Hell“-Demonstration setzt die Polizei massiv Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas ein.

Tatsächlich wird – wie immer – in großen Teilen ausschließlich über „die Randalierer“, „die Chaoten“, „die Autonomen“ gesprochen, die in der Schanze Läden geplündert und Autos abgefackelt hätten. Im „Neuen Deutschland“ befindet sich ein ganz spannender Artikel über den „Nationalfetisch Auto“ und warum sich die deutsche Bevölkerung gerade mehr über die verbrannten Autos empört, als über Gewaltexzesse der Polizei. Er zeigt, welche Akzeptanz doch dafür besteht, dass Personen verletzt werden (solange dies keine Polizist_innen sind) und die Polizei Handlungen tätigt, bei denen Menschen zu Tode kommen könnten, solange bei all dem Chaos bloß keine Autos zerstört werden.
Es ist eine Dreistigkeit, dass die Entschädigung der „Opfer“ zu einer „nationalen Aufgabe“ (Martin Schulz) deklariert wird und damit die Autobesitzer_innen gemeint sind, während es für Geflüchtete in den Asylunterkünften, die in Brand gesteckt wurden, keine Entschädigung gibt, für die durch die Polizei Verletzten ebensowenig, auch nicht für die Opfer des NSU und ihre Angehörigen und nicht für sämtliche andere von rechter Gewalt in Deutschland Betroffener.

Es ist nicht nur das zerstörte Objekt „Auto“ mit all seinen Implikationen, das zur Empörung der Twitter-Trolle und der Verfasser_innen der Leser_innenkommentarspalte führen, wichtig ist: Es waren Linke. Hätte die Polizei deren Autos zerstört, würden sie vermutlich sogar Verständnis dafür aufbringen – man muss das tun, denn die Chaoten machen sonst alles kaputt.
Das, was Freitag-/Samstagnacht im Schanzenviertel passiert ist, wird jetzt gleichgesetzt – und zwar nicht nur von Twitter-Trollen, sondern von Politiker_innen, Journalist_innen, usw. – mit IS-Terror und Kriegszuständen (wodurch die Gleichsetzer_innen übrigens ein weiteres Mal beweisen, wie wenig sie sich tatsächlich mit der Taktik und den Zielen des IS auseinandergesetzt haben). Wenn als Vergleichsobjekt nicht gerade der IS herhält, dann betitelt man sie doch zumindest als Faschisten – ohne jede theoretische Fundierung, wie es zu der Verwendung dieses Begriffes kommt.

Der wutbürgerliche Hass auf Linke trägt dazu bei, dass die massive Polizeigewalt seit Donnerstag ausgeblendet wird. Im Falle der „Welcome to Hell“-Demonstration kann sogar der Korrespondent des Deutschlandfunks der Meinung sein, dass die Eskalation von der Polizei ausging, es juckt nicht, denn das sei ja in Ordnung. Es wird nicht darüber gesprochen, warum plötzlich das SEK eingesetzt wird, das sonst überhaupt nicht in Demonstrationen involviert ist und das aus gutem Grund.

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© 24mmjournalism Eine SEK-Spezialeinheit steht in der Menschenmenge am Pferdemarkt, ausgerüstet mit Sturmgewehren.

Zu einer adäquaten Aufarbeitung und Berichterstattung über den G20 gehört, die Gewalt der Polizei und das faktische Außerkraftsetzen sämtlicher Grundrechte vonseiten der Polizei zu thematisieren, zu kritisieren und nicht zuzulassen, dass dies kommentarlos hingenommen wird. Denn, was einmal folgenlos funktioniert hat, wird jederzeit wieder angewandt, wenn die Umstände es zulassen.

Man kann darüber sprechen, was in der Schanze passiert ist und wie es dazu kam, muss man sogar. Aber ohne diese fundamental anti-linke Haltung, die linke Militanz mit dem Terrorismus des IS, Hamburg mit Aleppo gleichsetzt und dabei auf dermaßen krasse und unverhältnismäßige Begrifflichkeiten der Kriegsrhetorik setzt. Angemessen darüber zu sprechen, bedeutet nämlich auch, dass man sich der Polizeigewalt bewusst ist, die für den Verlauf des Wochenendes maßgeblich mitverantwortlich ist.

Eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit der Polizeigewalt, die bei den Protesten gegen den G20-Gipfel so omnipräsent war, ist notwendig. Ebenso, dass diese kritisch geführt und die unbedingte Autorität der Polizei, auch über die Berichterstattung, ernsthaft hinterfragt wird. Lest dazu, was Danijel Majic auf Twitter geschrieben hat.
Am Donnerstag bei der „Welcome to Hell“-Demo, in der Nacht von Freitag auf Samstag hätten Personen sterben können, durch Wasserwerfer, Schlagstöcke, durch Tritte und Schläge von Polizist_innen, Tränengas und durch die Sturmgewehre des SEK. Und die Sektion „Twitter-Wutbürger_innen“ hätte sich darüber vermutlich gefreut. Über all das müssen wir dringend reden.

Das neue F Mag: Es braucht mehr als „Mach doch einfach“

File 25-03-2017, 11 41 08Bestimmt habt ihr schon vom neuen Magazin aus dem Gruner&Jahr-Verlag gehört, dem F Mag. Laut Beschreibung ist es das „junge Frauenmagazin von Brigitte“ (also der Zeitschrift) und besteht aus drei Rubriken: Politik, Sex und Lametta, was irgendwie gleichzeitig das Motto der Zeitschrift sein soll.

Eine Freundin hat mir davon erzählt und nannte es in ihrer Beschreibung „feministisch“. Daraufhin bin ich zum nächsten Kiosk geeilt und habe mir ein Exemplar gekauft, während ich auf Twitter las, was andere Leute darüber denken. Viele fanden die Optik unansprechend, einige störten sich an den Schriften, meine Timeline war aber großteils irritiert vom Inhalt. Ein irgendwie feministischer Anspruch dahinter ist durchaus zu erkennen, das macht es aber noch nicht zu einem guten Magazin.

Ich weiß, auch Texte, die nicht durchgängig gegendert sind, können gut sein, aber: als Magazin für junge Frauen, das einen kritischen Blick auf Geschlechterstrukturen werfen will, ständig das generische Maskulinum und fast nie eine Form zu verwenden, die auch trans- und nichtbinäre Identitäten miteinschließt, ist durchaus bitter. Von der Rückseite des Magazins strahlt eine_n der Opel Adams an, zusammen mit dem „Germany’s Next Topmodel“-Logo. Aber man soll sich ja nicht von sog. „Äußerlichkeiten“ beeindrucken lassen. Also: Magazin aufgeblättert und gelesen.

Die Texte sind geprägt von einer „Mach doch einfach!“-Haltung, was ich eigentlich immer gut finde. Aber für ein spannendes, politisches, feministisches Magazin braucht es meiner Meinung nach auch ein wenig Analyse der Frage „Warum kannst du nicht einfach machen?“, das gehört für mich in die „gründliche Analyse“ mit hinein, auf die die Macherinnen laut Seite 4 so stehen. Stattdessen geht es an allen Ecken und Enden eigentlich um Frauen, die eben machen, egal, mit welcher Motivation die das machen.
Und genau hier liegt der weitere Fehler: Allzu oft werden Frauen, die „was machen“, mit Feministinnen verwechselt. Aber Feminismus wird geprägt von und ist vielleicht auch zum Teil eine ganz dezidierte Motivation. Und zu dieser Motivation gehört, denke ich, auch mehr als „Ich mach was Eigenes.“ und „Ich scheiß auf die Struktur.“ Zu dieser Motivation gehört ein Verständnis von gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen und politischen Bewegungen, außerdem eine grundsätzlich antikapitalistische Haltung. Die scheint aber komplett zwischen Sex und Lametta verloren gegangen zu sein.

Letztendlich fragt man sich, für wen das Magazin gemacht wird. Für linke Feministinnen jedenfalls nicht und auch sonst fallen mir sehr wenige Leute ein, denen das Magazin irgendetwas bieten kann. Vielleicht eben Personen, die sowieso schon die Brigitte lesen würden, denen die Brigitte aber zu viel Tipps zum Schlankwerden, Promi-News und einen zu klein ausfallenden Politikteil hat? Immerhin, das F-Mag erklärt Frauen zumindest nicht direkt, wie sie zu sein haben sollen (außer natürlich, dass sie „was machen“ sollen), dafür werden die Erwartungen an Frauen indirekt umso stärker transportiert durch Bildsprache bspw.

Das F Mag will ein Magazin sein für Menschen mit einem Wunsch nach Analyse und „kluger Unterhaltung“ und für Leute, die lesen wollen, was junge Frauen draufhaben. Den letzten Punkt hat das Magazin definitiv verwirklicht, auch wenn ich mich frage, was das bringen soll. Etwas draufzuhaben spricht jetzt noch nicht unbedingt für oder gegen eine Person, die Frage ist ja viel mehr, was die Person dann draufhat.

Und die ersten beiden Punkte haben die Macherinnen in ihrer ersten Ausgabe leider ziemlich runterfallen lassen. Ich finde in dem Magazin keinerlei Analyse und ich finde auch keine „kluge Unterhaltung“ (vielleicht meinten sie damit die Seite „Style und das Geld“ voller „bosshafter Weisheiten“?).
Eigentlich ist das Magazin ein super Beispiel dafür, was passiert, wenn jemand den Plan verfolgt „Politik/Feminismus wieder sexy“ zu machen. Ich finde Politik/Feminismus, der unsexy, dafür radikal („radikal“ nicht im Sinne von rad-fems) und inhaltlich gut fundiert ist, spannender, spaßiger und wichtiger, als das x-te Magazin, das über Frauen schreibt, die eben „was machen“. Denn das F Mag ist leider bisher nicht mehr, als das (aber was nicht ist, kann ja noch werden).