Ein Monat, zwei Krankheiten, drei Filme

Ohje, ohje… alles rast! Eigentlich wollte ich den letzten Podcast schon Anfang Februar online stellen und drei Blogbeiträge geschrieben haben. Allerdings war ich krank und aufgrund meiner Bettlägerigkeit und der damit verbundenen Kratzigheit und Heiserkeit meiner Stimme war es lange nicht möglich, ihn aufzunehmen. Aber: Wer – wie ich – müde ist von all dem Zwang Prüfungen erfolgreich zu bestehen, jeden Tag erfolgreich zur Arbeit zu gehen, zu funktionieren usw., die_der findet bei meinem kürzlich erschienenen Podcast etwas Trost. Es geht nämlich ums Scheitern.

Meine Krankheit hatte einen positiven Nebeneffekt… Ich habe angefangen, wieder Filme statt Serien zu schauen und muss sagen, dass ich das ziemlich genossen habe: Einfach mal wieder eine Geschichte in 90-120 Minuten erzählt und dann ist es auch gut damit. Keine Cliffhanger, keine ständigen, so offensichtlich konstruierten Bemühungen die Spannung am Laufen zu halten, wirklich angenehm.

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Allerdings waren es oftmals keine Filme, die sonderlich bekannt und viel diskutiert sind, deshalb will ich hier mal drei nennen, die alle auf Netflix verfügbar sind und ein paar Worte dazu verlieren:

  1. Fruitvale Station

Bei diesem Film werden die letzten 24 Stunden im Leben des Oscar Grant gezeigt, der von einem Polizisten erschossen wurde. Im letzten Drittel des Filmes habe ich nur noch vor Wut und Verzweiflung geheult, weil er die Realität von Rassismus und Polizeigewalt auf so treffende Weise darstellt, weil er alle möglichen furchtbaren Facetten dieses Mordes zeigt. Den Film will ich aus verschiedenen Gründen empfehlen… Einerseits ist die Geschichte eine, die Gehör verdient, andererseits ist er filmisch absolut sehenswert. Die unterschiedlichen Facetten der Hauptfiguren werden wunderbar herausgearbeitet, keine Figur ist widerspruchslos und entspricht sofort klassischen Filmfiguren. Die Geschichte nimmt mit und bewegt und lässt die Zuschauer_innen mit einem unangenehmen, aber wichtigen Gefühl von Trauer, Wut und Ohnmacht zurück. Insofern: Der Film ist zwar keine leichte Unterhaltung, das macht ihn aber umso sehenswerter!

2. LOL

LOL ist eigentlich als eine Liebesgeschichte angekündigt, ganz langweilig nach heterosexueller Manier. Warum nur „angekündigt“? Weil es darin um sehr viel mehr geht, als romantische Klischees: LOL behandelt Mutter-Tochter-Beziehungen, auch vor dem Hintergrund feministischer Errungenschaften. Es geht um Freiheiten, die Frauen ihren Töchtern lassen (müssen) oder nicht, um den Anspruch an eine Gesellschaft, Frauen ihre Rechte und Freiheiten zuzugestehen, wobei sich das in Bezug auf Erziehungsfragen wesentlich schwieriger gestaltet, als man es sich vorstellt. Letztendlich berührt der Film damit spannende Konflikte um das politische Private und die Frage, ab wann Menschen eigene Entscheidungen treffen sollen (was auch im Rahmen von Vater-Sohn-Beziehungen verhandelt wird). Gleichzeitig stellt der Film die Vielfalt von Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern mit ihren ganz unterschiedlichen Konflikten und Funktionsweisen auf eine sehr liebevolle Art und Weise dar. Den Film würde ich mir nochmal anschauen, weil mir beim zweiten Mal bestimmt ganz andere Dinge auffallen, als beim ersten Mal.

3. Ils sont partout („#The Jews“ ist der englische Titel)

Dieser Film hat mich mit vielen Fragen zurückgelassen. Und das lag nicht daran, dass ich diesen Film trotz fehlender Französisch-Kenntnisse auf Französisch (also Originalton) geschaut habe und die ganze Zeit Untertitel mitlesen musste. Nein, es lag daran, dass er sehr vollgepackt ist, vielfältige Aspekte eines einzigen Phänomens zeigt, versucht die Komplexität desselben irgendwie darzustellen und greifbar zu machen und dass der Film keine Lösungen und Antworten bietet, sondern suchend immer mehr Fragen und Irritationen hervorruft. Der Film handelt von Antisemitismus. Yvan Attal, ein französisch-jüdischer Schauspieler, spricht in therapeutischen Sitzungen über antisemitische Stereotype und die Omnipräsenz von Antisemitismus. Immer wieder wird innerhalb dieser Rahmenhandlung eine kleine Geschichte erzählt, bei der Antisemitismus im Zentrum steht und/oder die Akteur_innen von Antisemitismus betroffen sind. Es geht viel um die Vorstellung vom „Jüdischsein“, um „jüdische Identität“, wie schwierig diese Aushandlungsprozesse sind, mit welcher Diskriminierung jüdische Menschen in Frankreich tagtäglich konfrontiert sind und warum sich antisemitische Einstellungsmuster als so hartnäckig erweisen.

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Loving Vincent (Review)

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Filmposter von http://www.lovingvincent.com

Ich war seit langer Zeit nicht mehr im Kino. Wenig Zeit, wenig Geld, es hat drei Anläufe gebraucht, bis ich tatsächlich in den Film gehen konnte, von dem ich euch heute erzählen will.
Er heißt „Loving Vincent“ und ausnahmsweise wollte ich diesen Film nicht sehen, weil sich die Story oder das Thema so spannend angehört hat, sondern weil er auf eine ganz besondere Art und Weise gemacht ist.

An „Loving Vincent“ haben Künstler_innen über vier Jahre gearbeitet. Eine ganz schön lange Zeit für letztendlich 94 Minuten auf der Leinwand. Aber diese Zeit hat es gebraucht, weil jedes einzelne Bild, aus dem dieser Film besteht, gemalt wurde. Von 125 Künstler_innen. „Loving Vincent“ besteht aus Ölgemälden und es ist der erste Film, der auf diese Art und Weise gemacht wurde.

Die Wahl der Ölgemälde als Geschichtenerzähler macht deshalb bei diesem Werk besonders Sinn, weil es um Vincent van Gogh geht und um die letzten Wochen vor seinem Tod. Armand Roulin (Douglas Booth) bekommt in dem Film nach dem Tod von van Gogh den Auftrag, einen Brief an van Goghs Bruder Theo zu übermitteln. Dieser ist aber ebenfalls gestorben, weshalb Armand sich auf die Reise begibt, um die Person zu finden, die rechtmäßige_r Besitzer_in des Briefes wäre. Im Laufe seiner Suche findet er wichtige, verwirrende Details über van Goghs letzte Wochen heraus, seine Suche wird intensiver, bis er sich ausschließlich ihr widmet. Die wiederkehrende Frage lautet: Wie konnte van Gogh, der sich noch wenige Wochen vor seinem Tod als gesund beschreibt, so plötzlich Selbstmord begehen?

„Loving Vincent“ wird zurecht von Kritiker_innen gelobt. Die Arbeit, die in dem Film steckt, ist unvorstellbar. Die Macher_innen schreiben auf der Filmseite zur Entstehung der Bilder: „We painted the first frame as a full painting on canvas board, and then painted over that painting for each frame until the last frame of the shot. We are then left with an oil-painting on canvas board of the last frame.“ Wenn man sich den Film anschaut, muss man diese Info im Hinterkopf haben und sich bewusst machen, wir zeitaufwendig und anstrengend es gewesen sein muss, die so lebendig wirkenden Bilder zu malen und aneinanderzureihen. Jedes im Film vorkommende Bild ist so reich an Details, alles ist kontinuierlich in Bewegung und der Film steht in keiner einzigen Sekunde still.

Dieses Hintergrundwissen über die Produktion hat mich also ins Kino getrieben. Ich hatte mich davor nicht viel mit Vincent van Goghs Leben beschäftigt und wusste daher wenig über die Rahmenhandlung. Trotzdem hat mich die Geschichte total gepackt. Armand als Hauptdarsteller des Films, der zunächst fast so unwissend ist, wie möglicherweise manche Zuschauer_innen, funktioniert perfekt als Figur, die von van Goghs Geschichte mitgerissen wird und die Zuschauer_innen gleich mitnimmt in seiner Faszination. Der Film erzählt die Biografie van Goghs letzter Wochen detailgetreu nach und auch die sich an manchen Punkten widersprechenden Perspektiven der verschiedenen in diesen Wochen an seinem Leben beteiligten Personen kommen zum Ausdruck.

Ich bin mit einem sehr seltsamen Gefühl aus dem Film gegangen… Einerseits war ich von der Tragik gepackt, die das Leben und der Tod des Künstlers enthalten und andererseits war ich so fasziniert von der Handlung und der Machart des Films, dass ich irgendwie einfach glücklich darüber war ihn gesehen zu haben. Es ist einer dieser Filme, von denen ich im Nachhinein sage, dass ich etwas verpassen würde, wenn ich ihn nicht gesehen hätte und deshalb empfehle ich ihn euch weiter (ohne behaupten zu wollen, dass ihr auch was verpasst, wenn ihr ihn nicht schaut, das gilt nur für mich).

Ach ja: Wer noch weitere Infos über den Film will, kann sich auch mal das öffentlich einsehbare Press Kit anschauen und durchlesen.

Fantastic Masculinities: Über Männlichkeitsperformances in Hollywood-Produktionen

Vor zwei Tagen wurden die Golden Globes vergeben. Im Zuge der #MeToo-Debatte, gefolgt von der #TimesUp-Initiative gab es einen Black Carpet, bei dem viele Schauspieler_innen und weitere Prominente Schwarz trugen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Auf die #MeToo-Debatte bin ich in einem anderen Post eingegangen, seitdem habe ich noch viel darüber gesprochen und nachgedacht.
Heute will ich einen anderen Fokus setzen auf etwas, das einen weiteren, wichtigen Aspekt der Geschlechterpolitik rund um Hollywood (und nicht nur rund um Hollywood, sondern auch sämtlichen anderen Filmproduktionsstätten) darstellt: Bei #MeToo ging und geht es um das, was hinter der Bühne passiert und dank einiger Kritik daran irgendwann auch darum, was in der Arbeitswelt und in den sogenannten „Privathaushalten“ mit und gegen Frauen passiert, inwiefern sexualisierte Gewalt im Alltag von Frauen eine Rolle spielt.

Über das, was eigentlich auf der Bühne passiert, mache ich mir seit einiger Zeit in Bezug auf die Darstellung und Charakterisierung von Vampir-Figuren Gedanken, die oftmals starkes Stalking-Verhalten zeigen. In neuen wie in älteren Produktionen wird dieses höchst übergriffige Verhalten häufig mit der „Schönheit“ der Figur legitimiert und allgemein als unproblematisch dargestellt. An Vampir-Figuren lässt sich gut zeigen, welche Männlichkeitsperformances „beliebt“ und „angesagt“ sind, welche Formen der Männlichkeit gesehen werden wollen.

Ein Gegenentwurf zu dieser Art der Inszenierung von Männlichkeit in Filmen stellt Newt Scamander, der Protagonist von „Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ dar. Darauf bin ich dank eines Youtube-Videos gekommen, das ich euch dringend empfehle anzuschauen. Darin geht es um die Männlichkeitsperformance von Eddie Redmayne alias Newt Scamander, die in vielerlei Hinsicht der common Darstellung einer heroischen Männlichkeit widerspricht.

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Aus dem unten verlinkten, empfohlenen Video von Pop Culture Detective

Am Ende des Videos geht der Macher darauf ein, was für Reaktionen Eddie Redmaynes Inszenierung beim Publikum und bei Kritiker_innen hervorgerufen hat. Einer der Hauptkritikpunkte am Film, der von vielen Medien aufgegriffen wurde, war tatsächlich diese untypische Darstellung eines männlichen Helden. Das verweist darauf, dass Darstellungen von Männlichkeit, die von der hegemonialen Performance abweichen, nach wie vor sanktioniert werden, von Kritiker_innen, der Filmindustrie, usw. Es ist sogar fraglich, ob Newt in den kommenden Filmen noch so stark im Vordergrund stehen wird, wie im ersten Film, weil seine Rolle eben nicht dem entspricht, was viele Kinobesucher_innen sehen wollen.

Ich schließe mich dem Macher des Videos vollkommen darin an, dass nichts in einem Film mehr langweilt, als zum 3.000sten Mal dieselbe heroische Männlichkeit auf der Leinwand zu sehen. Newt Scamander fand ich bereits beim ersten Filmschauen eine wahnsinnig abwechslungsreiche und spannende Figur und nach diesem Youtube-Video ist mir klar geworden, warum.

Der Umgang mit der Figur des Newt Scamander zeigt, dass die Darstellungsfreiheit in Hollywood ebenfalls Grenzen kennt, die sich dort offenbaren, wo Geschlechterrollen anders inszeniert und ausgedeutet werden als in den meisten anderen Filmen. Diese Grenzen haben gesellschaftliche Folgen, wenn Menschen nur Figuren gezeigt werden, die tradierte Geschlechterrollen verkörpern und bestimmten Idealtypen entsprechen.
Es manifestiert sich die bereits vorher existente Norm auf dem Bildschirm, es wird ein weiteres Mal ausgedeutet, wie Männlichkeit funktionieren soll (und selbstverständlich auch Weiblichkeit, sowie jede Form der Geschlechterinszenierung). Und oftmals zeigen und heroisieren Filme Männlichkeiten, die beispielsweise unglaublich übergriffig handeln.

Filme sind nicht nur Fiktion. Schauspieler_innen, Drehbuchautor_innen, Regisseur_innen, alle möglichen an einem Film Beteiligten entscheiden sich für eine bestimmte Inszenierung der Figuren. Diese Inszenierung sagt etwas über gesellschaftliche Vorstellungen aus und beeinflusst diese nachhaltig. Männer agieren nicht im luftleeren Raum auf diese Art übergriffig, wie die #MeToo-Debatte es sichtbar macht.
Sie sind natürlich geprägt durch Vorstellungen, Sozialisation, usw. (was ich nicht als Entschuldigung verstanden wissen will: Jeder Mensch hat die Freiheit sich dafür zu entscheiden, kein Arschloch zu sein!) Deshalb ist es auch so spannend, dass die #MeToo-Debatte anfangs von Hollywood-Kontexten ausging, weil natürlich das, was Hollywood produziert, diese eben genannten Vorstellungen (die Vorstellungen bspw., dass es in Ordnung ist, eine Frau zu bedrängen) stabilisiert und beeinflusst.

Genau aus diesem Grund bin ich gelangweilt vom x-ten Vampirfilm oder solchen, bei denen die männlichen Protagonisten definitiv ihre Art Männlichkeit zu performen aus Vampirfilmen u.ä. übernommen haben. Bei denen es vollkommen in Ordnung ist, Frauen ewig nachzustellen, sich heimlich in ihr Zimmer zu begeben, während sie schlafen, sie zu bedrängen und bei denen sexualisierte Gewalt verharmlost wird und in der „gekonnten Männlichkeitsperformance“ irgendeinen Platz findet.
Genau aus diesem Grund will ich in der Filmwelt mehr Newt Scamanders begegnen und weniger Figuren, die einfach nur Geschlechterstereotype reproduzieren.

Mein 2017 in Songs

Es reiht sich Jahresrückblick an Jahresrückblick. Man blickt wirklich auf alles zurück – auf Arbeit, Alltag, Essen, Erfolge, Niederlagen, Projekte, Bloggen, Sport, Stimmungen und sämtliche geplanten oder ungeplanten Ereignisse. Der Jahresrückblick – eine andere Form des Trackings mit dem Ziel der Selbstoptimierung?
Ich will mich da gar nicht ausnehmen: Seit mittlerweile fünf Jahren schreibe ich am Ende eines jeden Jahres eine Bilanz, inklusive Pläne fürs nächste Jahr, die dann im kommenden Jahr mit jener Bilanz abgeglichen werden. Seltsam und unklug, aber vielleicht trotzdem Teil meines Strukturzwangs.

Diese Bilanz bleibt privat und irgendwie habe ich keine Lust, hier nochmal mein Jahr in Ereignissen Revue passieren zu lassen. Stattdessen will ich versuchen, es durch Lieder einzufangen: Für jeden Monat ein, maximal zwei Lieder. Viele dieser Lieder habe ich durch die großartige Person entdeckt, mit der zusammen ich die Radiosendung gemacht habe, die im Januar leider vorerst zum letzten Mal ausgestrahlt wird. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an sie!
Zu manchen Liedern gibt es eine Story, die erzählt werden will, manche können aber auch für sich stehen. Die Lieder erkläre ich nicht zwangsweise für coole Songs, aber sie haben mich doch durch das Jahr begleitet und teilweise habe ich sie wirklich wochenlang in Dauerschleife gehört:

JANUAR:

Skwod – Nadia Rose
Den Song haben wir in der Januar-Radiosendung gespielt und ich war riesiger Fan vom Video: Eine stabile Girl*gang, die durch eine random Straße laufen im kompletten CSD-Adidas-Outfit und eine echt coole Ausstrahlung haben.
Der Song verbreitet solide Laune, wenn man ihn beim im Schneematsch herumlaufen hört. Egal, was gerade so auf der Seele liegt, es scheint irgendwie leichter erträglich zu sein. Auch andere Songs von Nadia Rose sind wahnsinnig gut, ich höre sie insgesamt wirklich gerne.

Queen of Denmark – John Grant
Komplett anderer Sound als Nadia Rose. Auf diesen Song bin ich eigentlich in einer Bar gestoßen, bzw. eher auf einen anderen Track von John Grant und zwar „JC Hates Faggots“. Ich habe das Album durchgehört und bin definitiv auf „Queen of Denmark“ hängengeblieben. Wochenlang, mies gelaunt, morgens, abends, immer dieses Lied hören, nach und vor der Uni, in und außerhalb der Stadt, einfach an jedem Ort zu jeder Zeit. Und immer noch hab ich mich an ihm nicht satt gehört.

FEBRUAR:

No CD (feat. Rebel Kleff) – Loyle Carner
Nachdem ich beschlossen hatte, dass auf John Grant irgendein Stimmungsheber folgen müsse, habe ich aus der nächsten Radiosendung Loyle Carner gezogen. Seitdem Fan vom gesamten „Yesterday’s Gone“-Album. Ich stehe ganz furchtbar auf den Sound, auf die Art zu rappen und speziell dieses Lied macht angenehme Stimmung bei mir, selbst wenn es eigentlich grade nicht so läuft.

MÄRZ:

Bombay Calling – OK KID
Kein Lied besser vor und nach dem Nachtschichten schieben. Was Alkohol angeht, bin ich weder bewandert noch belesen, weshalb ich lange Zeit nicht wusste, was „Bombay“ überhaupt ist (aber keine Angst, schon bevor ich das Lied zum ersten Mal gehört habe). Seitdem ich in einer Bar arbeite – was ziemlich zeitgleich zum Hören des Liedes passiert ist -, kann ich das Aussehen der Flasche nicht vergessen, auch wenn ich ihren Inhalt nicht sonderlich schätze.
Ach ja: Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass ich im Mai umziehen würde. Und irgendwie ist mit diesem Wissen das Lied „Allein, zu Zweit, zu Dritt“ derselben Band verbunden, weil in diesem Track eine Zeile vorkommt, in der irgendein Quatsch über die Dächer gebrüllt wird und ich mir vorgestellt habe, dass ich das in der neuen Wohnung auch mal mache.

Diggin’ – Kovacs
Auch hier gilt: Tierisch verliebt in das komplette Album „Shades of Black“. Der Sound ist klasse, manche hören deutliche Bezüge zu Amy Winehouse durch, ich allerdings nicht so stark, auch wenn ich weiß, was die Leute meinen.
Dieses Lied ist bei mir definitiv nach wie vor ein Muss auf jedem tragbaren Abspielgerät, weil es für mich zu ganz vielen Situationen gehört hat und immer noch passt.

APRIL:

Bones – MS MR
Im April habe ich die Serie „Revenge“ gesuchtet und darin kommt dieser Song vor. Er wurde für mich zu einem Prä-Training-Song, zu einem Morgens-auf-dem-Weg-zur-Arbeit-Song und einem Abends-Heimgeh-Song. „Revenge“ stehe ich im Nachhinein irgendwie zwiegespalten gegenüber, allerdings ist es schon wieder so lange her, dass ich die Serie gesehen habe, dass ich nochmal ein paar Folgen schauen müsste, um genau zu begründen, warum.

MAI:

Troubleman – Electric Guest
Wow, sogar im Schreiben dieses Beitrags habe ich mich auf den Moment gefreut, wo ich über dieses Lied schreiben kann. Dieses Lied… immer wieder Dauerschleife, immer wieder Fernweh. Wenn ein Bild zu diesem Lied gehört, dann ein Auto, das in einen Sonnenuntergang fährt, ganz kitschig-idyllisch. Und im Hintergrund muss dieses Lied laufen, ab jetzt bitte bei jedem Film, der eine solche Szene eingebaut hat. Jedes Radio wird lauter gedreht, wenn der Song kommt und prinzipiell muss ich einen Moment innehalten, wenn es gespielt wird, muss genießen und träumen.
Hier definitive Hörempfehlung! Wichtig ist dabei, dass man auf den Break in der Mitte des Lieds hört, wo sich der komplette Ausdruck des Songs verändert und ganz andere Bilder den Sonnenuntergang ablösen. Wer davor noch keine Sehnsucht nach wasauchimmer hatte, bekommt nach dem Break eine zweite Chance.
Und auch dieses Lied hätte ich vermutlich nie kennengelernt ohne die wunderbare, vorhin bereits erwähnte Freundin und Sendungsmacherin. Danke dafür! Selbes gilt für das zweite Lied des Monats:

Down Down – The Coathangers
Hier musste ich lange überlegen: Lieber „Down Down“ oder „Nosebleed Weekend“? Letztendlich habe ich aber „Down Down“ doch etwas mehr für seinen Sound gefeiert, obwohl sich „Nosebleed Weekend“ besonders hinsichtlich der Lyrics ziemlich lohnt! Hörempfehlung für diese Band, deren Name auf eine äußerst gefährliche, schmerzhafte und drastische Methode zum Schwangerschaftsabbruch verweist. Nicht nur der Name ist politisch, auch die Band und ihre Texte sind explizit politischer Content.

JUNI:

Young & Unafraid – The Moth & The Flame
In der ersten Folge von „Tote Mädchen Lügen Nicht“ wird dieser Track gespielt. Und auch diese Serie habe ich ziemlich schnell durchgeschaut, sie ist 2017 frisch rausgekommen. Über die Serie gibt es viele verschiedene Meinungen, ich persönlich fand sie ziemlich interessant gemacht und sie hat bei mir viele Fragen aufgeworfen (die ich eigentlich gerne in einer Rezension thematisiert hätte, aber leider bin ich dazu nicht gekommen). Deshalb denke ich bei diesem Lied immer an die Serie, der Song selbst ist allerdings auch ein klassisches Prä-Training-Lied und durch-die-Stadt-laufen-Lied meinerseits.

Boyfriend – Marika Hackman
Ein Song voller Überraschungen, vor allem bei genauerem Hören auf den Text. Nach der ersten Zeile stempelt man das Lied ab, um kurz darauf herauszufinden, dass man ihm eben jenen Stempel fälschlicherweise aufgedrückt hat. Der Song thematisiert und problematisiert die Perspektive vieler Heten auf nicht-heterosexuelle und oft als lesbisch wahrgenommene Beziehungen (diesen Begriff im weiten Sinne verstanden). Ich höre ihn nach wie vor richtig gerne und muss angesichts des vielen Sarkasmus auch ein wenig Lächeln beim Zuhören.

JULI:

Sleep, for the Weak! (Lost Frequencies Remix) – Lea Rue
Ein Remix, auf den ich durch mein Training gekommen bin (wo ansonsten wirklich viel Schrott-Musik gespielt wird). Die Radio-Version ist wesentlich langsamer und ruhiger, aber diesen Mix höre ich richtig gerne zum trainieren und auch so. Im Juli habe ich oft Sport gemacht und nach einem halben Jahr schalte ich manchmal noch auf dieses Lied, kurz bevor ich zum Training gehe, damit ich motivierter bin.

AUGUST:

Booty Swing – Parov Stelar
Dieser Urlaub… Im August war ich in Schottland und weil meine Mama so gerne tanzbare Musik hört, habe ich auf sämtlichen Fahrten zu irgendwelchen Schlössern einfach Parov Stelar angemacht. Meine Mama hat es geliebt, aber nicht so sehr wie ich. Eigentlich gar kein Schottland-Sound, aber bei 11°C braucht es umso dringender tanzbare Musik, damit man sich warm tanzen kann. Deshalb gehörte der August ganz Parov Stelar und von ihm vor allem den beiden „The Princess“-Alben.

SEPTEMBER:

Red Pipe – Paul Feris & Joseph Disco
Diesen Track habe ich zum ersten Mal bei Kunstpark Rost Anfang September gehört, einem Wagenplatz-Festival mit viel gutem Aufgelege und Tanz trotz schlechtem Wetter. Da hat nachmittags gegen 17 Uhr im Hellen dieser Beat über Wiesen und Heuballen und Wägen geschallt und ich wusste: Den Titel brauch ich, weil er mich im Hellen tanzen wollen lässt, wie im Dunkeln. Seitdem wird der Titel jedes Mal, wenn ich da bin, in der Bar gespielt, wo ich arbeite. Genuss!

OKTOBER:

My Eyes – The Lumineers
Wie genau ich auf The Lumineers gekommen bin, kann ich nicht mehr rekonstruieren. Aber das Lied war wichtig für den goldenen Oktober, sowie für die ersten Tage, an denen das Wetter richtig schlecht war und ich melancholisch geworden bin. Sehr ruhig, traurig, perfekt zum Leiden, aber auch, um zuzusehen, wie die Tage kürzer werden und um durch die Stadt zu laufen, ohne so richtig zu wissen, was genau man eigentlich fühlt.

Blank Space – Rhodes
Ähnliches gilt für diesen Song. Im Oktober hatte ich es irgendwie mit diesen melancholische Lieder schreibenden Interpret_innen. Aber manchmal braucht man das, diesen Moment, in dem man zulässt das eigene Leben mal ganz pessimistisch zu betrachten. Mit einer Tasse Tee dem Treiben auf der stark befahrenen Straße vor dem Fenster zuschauen, dieses Lied hören und ein bisschen sinnieren – vollkommen legitim und notwendig.

NOVEMBER:

Drinkee – Sofi Tukker
Vielleicht kennt ihr diesen Track nicht, denn er kommt wieder aus dem Repertoire der wunderbaren Radioperson (die übrigens auch großartig auflegen kann, das finde nicht nur ich!) und diese Person kennt Musik, auf die man sonst nicht unbedingt stößt. Der beste Track, um ihn Freitagabend beim Vorglühen, auf dem Weg in die Lieblingsbar oder beim Feiern zu hören. Das Schöne: Dieselbe tolle Person hat mir zu Weihnachten eine Karte für Sofi Tukkers Konzert geschenkt und wir freuen uns schon tierisch auf den 5. Februar. Sofi Tukker höre ich richtig gerne, nicht nur, aber besonders das Lied, weil der Sound einfach grandios ist und ich damit nur positive Dinge verbinde.

DEZEMBER:

Ghostwriter – RJD2
Tja, den letzten Track verdanke ich meiner Sucht nach dem besten veganen Chai Latte Münchens. Auch wenn ich kein Fan von „Love Kills Capitalism“ bin, habe ich mich an einem Freitagmittag ins Lost Weekend begeben, um besagten Chai Latte zu schlürfen und noch Texte vor der Uni zu ‚lesen‘ (eigentlich zu überfliegen). Und da kam RJD2 mit diesem Track, den ich seitdem immer und immer wieder höre, der gemacht ist für entspannte Vor- und Nachmittage, für Tee und Kaffee, für Kuchen und Kekse, für alles, was Entspannung bedeutet.

Tja, und das waren sie, meine Songs von 2017. Wenn euch ein paar gefallen, freut es mich. Meine immer-und-ewig-Hörempfehlung kennt ihr ja sowieso (Martha), die ist nur nicht drin, weil diese Band bei mir ein Dauermuss ist.
Und jetzt wünsche ich euch eine schöne Feierei, einen guten Rutsch und ein 2018, in dem man Vorsätze bricht und ganz anderes schafft, als eigentlich geplant. Denn die ungeplanten Dinge und Erlebnisse sind oft die schönsten.

Nie wieder. Schon wieder. Immer noch.

Seit gestern ist im NS-Dokumentationszentrum die Ausstellung „Nie wieder. Schon wieder. Immer noch. Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945“ besuchbar. Und ich möchte an dieser Stelle dringend empfehlen, euch die Zeit zu nehmen und reinzugehen, weil sie einen Aspekt der Gesellschaft dokumentiert, der nach wie vor viel zu oft verharmlost, kleingeredet und ignoriert wird: Rechtsextremismus, seine Ideologie und sein Fortbestehen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Ausstellung beginnt mit einem Zeitstrahl, der seinen Anfang bei 1945 mit dem Verbot der NSDAP nimmt (übrigens genau dort, wo so viele Ausstellungen aufhören, nämlich am Ende der NS-Zeit). Der Zeitstrahl ist in drei Sektionen unterteilt: Der Unterste, schwarz unterlegte Teil zeigt auf, was Akteur_innen der extremen Rechten (1) zu der Zeit gemacht haben und welche Organisationen bekannte oder weniger bekannte Aktionen gemacht haben.
Im mittleren, weiß unterlegten Teil finden sich Daten von Partei- und Organisationsgründungen in der extremen Rechten, wichtige politische Daten und Gesetzesänderungen, die in Zusammenhang mit dem Themenkomplex stehen und sonstige relevante politische Ereignisse.
Und im oberen, grau unterlegten Teil des Zeitstrahls schließlich finden Widerstand, zivilgesellschaftliche Proteste und antifaschistisches Engagement Platz.

Nach kurzer Betrachtung des Zeitstrahls fällt auf, wie voll der schwarz unterlegte Teil im Gegensatz zum obersten Part ist, was natürlich einerseits an der Fokussierung der Ausstellung liegt und andererseits auch in gewisser Weise auf politische, gesellschaftliche Verhältnisse verweist. Außerdem verdeutlicht es, dass sich rechtsextreme Organisationen sofort nach 1945 gründeten, dass es unmittelbar nach Kriegsende Organisierungsversuche von extremen Rechten gab und dass das unter anderem an der nie stattgefundenen Entnazifizierung lag.

Ein weiterer Punkt, den die Darstellung als Chronologie offenlegt, ist die Kontinuität rechtsextremer Aktivitäten, von antisemitischen Schmierereien bishin zu Körperverletzung und Mord. Es wird ganz deutlich sichtbar, dass mit dem Ende der NS-Zeit antisemitische Einstellungen kein Ende fanden und dass es auch nach 1945 keinen Zeitraum ohne antisemitische Übergriffe in Deutschland gab.
Noch Ende der 40er Jahre werden antisemitische Schilder vor Häusern und Gaststätten angebracht, die überwiegend von Jüd_innen besucht werden. 1949 druckt die Süddeutsche Zeitung einen antisemitischen Leser_innenbrief ab, dessen Verfasser_in nie ermittelt wurde.

Der Zeitstrahl verläuft weiter, weist auf das Oktoberfestattentat und den Mord an Shlomo Lewin und Frieda Poeschke hin, auf die Ermordung Amadeu Antonios, beleuchtet die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda, die Morde in Mölln, die Bildung des Thüringer Heimatschutz mit dem Verweis auf die politische Sozialisation des NSU-Kerntrios, die beiden Opfer des NSU aus München, Theodoros Boulgarides und Habil Kiliç, sowie viele weitere Gewalttaten und andere Aktivitäten der extremen Rechten in Deutschland. Er endet 2017 mit dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren und der Wahl der AfD in den Bundestag.

Man befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem großen Raum, in dem neben dem Zeitstrahl an der Wand in der Mitte des Raumes mehrere hohe Säulen stehen. Eine einzige schwarze Säule ist mit „Ideologie“ betitelt und erklärt, dass jede der Säulen ein Element der Ideologie von extremen Rechten darstellen und veranschaulichen soll. Dazu gehören Sozialdarwinismus, antidemokratisches Denken, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, „Antiziganismus“ (mit dem Verweis darauf, dass aufgrund der Problematik des Begriffs von „Rassismus gegen Sinti und Roma“ gesprochen wird), sowie Nationalchauvinismus und Geschichtsrevisionismus.
Dabei ist beeindruckend und beunruhigend zugleich, wie viel hochaktuelles und von verschiedensten Akteuren verbreitetes Material zur Anschauung benutzt wird, von rechten Aufklebern, Flyern und Plakaten bis zu Facebook-Posts.
Diese Säulen, die mit ihrem Anschauungsmaterial zwar stark auf Organisationsebene bleiben, machen deutlich, wie viele inhaltliche Anknüpfungspunkte es doch in gesellschaftlichen Diskursen zur Ideologie der extremen Rechten gibt.

Im letzten Teil der Ausstellung wird explizit Münchner Geschichte, Erinnerung und Zivilgesellschaft in den Vordergrund gestellt und darin besonders die Verfolgung von Jüd_innen im Nationalsozialismus und die weitergehende Diskriminierung nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Außerdem geht es um Münchner_innen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben und wie mit dem Gedenken an sie, sowie die Opfer der Shoah, umgegangen wurde/wird. Auch ein Brandanschlag, der ansonsten oft unbenannt bleibt, ist dort thematisiert: Der Brandanschlag auf das Jüdische Altenheim im Jahr 1970, bei dem sieben Menschen starben, darunter auch zwei Überlebende der Shoah.

Die Ausstellung schließt mit zwei großen, ständig aktualisierten Bildschirmen, die am laufenden Band Schlagzeilen aus SZ, FAZ, dem a.i.d.a.-Archiv usw. einblenden, bei denen es um extreme Rechte oder Bestandteile ihrer Ideologie geht. Damit wird nochmals auf die Aktualität des Themas hingewiesen und darauf, dass die Kontinuität bisher kein Ende gefunden hat, dass die Ideologie der extremen Rechten weiterhin besteht und dass extreme Rechte weiterhin gewalttätig handeln.

Mit dieser Ausstellung hat sich das NS-Dokuzentrum einem wahnsinnig vielseitigen, vielschichten Thema angenommen, das unglaublich zahlreiche Facetten kennt und eine sehr detaillierte Geschichte aufweist. Dafür ist die Ausstellung unglaublich gut gelungen, weil sie der Vielseitigkeit und Komplexität des Gegenstandes gerecht wird. Natürlich fallen Informationen herunter, natürlich findet nicht jeder Name seinen Platz, aber darum geht es konkret in dieser Ausstellung meines Erachtens auch nicht.

Es geht um die Darstellung der Kontinuität des Rechtsextremismus in Deutschland. Dafür wurde eine beeindruckende Fülle an Material gesammelt und bereitgestellt, die noch dazu auf eine unglaublich tolle Art und Weise einer Öffentlichkeit zugänglich geworden sind. Die Art der Visualisierung von Kontinuität vermittelt die Problematik zusätzlich zu den sowieso beeindruckenden Anschauungsmaterialien so einprägsam, wie es nur geht. Und auch die Exponate, die die praktischen Beispiele für jene Ideologie-Bausteine sein sollen, passen nahtlos und machen den komplexen Gegenstand leichter verständlich.

Allerdings hatte ich beim Besuch der Ausstellung manchmal das Gefühl, dass die historischen Kontexte nicht genügend sichtbar waren. Vielleicht hätte ein noch mehr befüllter mittlerer Zeitstrahl-Teil geholfen, die Rahmenbedingungen besser zu verstehen, unter denen sich die Entwicklung der extremen Rechten und der Widerstand dagegen abgespielt hat. Besonders für die Zeit der 1990er wären möglicherweise mehr Hintergrundinfos über das gesellschaftliche Klima zu der Zeit gut gewesen, aber auch für den Zeitraum unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, weil viele unterschiedlichen Vorstellungen über die gesellschaftliche Atmosphäre damals bestehen.
Daran anschließend wäre es auch spannend gewesen, mehr dazu zu sehen, wie die Bausteine der Ideologie der extremen Rechten in der Gesellschaft ankommen, von ihr aufgegriffen und verarbeitet werden, welche Rolle sie für gesellschaftliche Diskurse tatsächlich spielen und wie präsent sie darin sind.

Dennoch überwiegt Bewunderung und Begeisterung für diese Ausstellung: Sie visualisiert das Phänomen, das sie zum Thema hat, auf eine tolle Art und Weise, hat großartiges Anschauungsmaterial bereitgestellt und geht angemessen mit der Komplexität des Gegenstandes um.
Deshalb: Geht in die Ausstellung, sie kostet 5€, ermäßigt 2,50€. Ihr könnt sie bis zum 2. April 2018 immer von Dienstag bis Sonntag, 10-19 Uhr, besuchen und es gibt auch öffentliche Rundgänge und einige spannende Veranstaltungen in ihrem Rahmen. Für mehr Infos besucht die Seite des NS-Dokuzentrums.

(1) zum Begriff der extremen Rechten und seiner Problematik lest hier.

Magic City – eine Kunstform braucht ihren Kontext

In München findet im Moment eine Ausstellung mit dem Namen „Magic City“ statt. Das Thema ist Street Art im weitesten Sinne und das Setting, die Location, ist die kleine Olympiahalle.
Eigentlich wollte ich diese Ausstellung gar nicht besuchen, weil ich sie zutiefst widersprüchlich finde. Aber ich wollte wissen, ob sie tatsächlich so unreflektiert ist, wie ich sie mir vorstelle und hatte die Möglichkeit, ihr einen Besuch abzustatten. Man muss manchen Dingen ja durchaus eine Chance geben, um sie danach beurteilen zu können.

Am Anfang der Ausstellung wird ein Film gezeigt, der die Entstehungsgeschichte von Graffiti und Street Art zeigt, wobei Graffiti und Street Art irgendwie gemeinsam verhandelt werden, was problematisch ist.
Bei Street Art liegt der Fokus auf dem künstlerischen Aspekt, es ist ein sehr weiter Begriff für alle möglichen Formen von Kunst, die im urbanen Raum auftreten. Graffiti hingegen ist meiner Meinung nach ein Teil davon, der bestimmte Ausdrucksweisen und Codes besitzt. Graffiti ist beispielsweise meist illegal, wenn nicht bestimmte Flächen in Städten zum Malen legalisiert wurden. Auch die Entstehungsgeschichte von Graffiti spielt sich im Kontext der Illegalität ab.

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Daze – früher hat er U-Bahnen bemalt, dann kamen das Atelier und die normalen Wände.

Trotzdem ist die Darstellung der Geschichte einigermaßen korrekt: Wichtige Personen, wie Lady Pink werden benannt und gezeigt und auch die Kriminalisierung von Graffiti wird ganz deutlich thematisiert und hervorgehoben. Das war eine erste Befürchtung von mir, die nur in Teilen eingetreten ist: Dass nicht zur Genüge klar wird, wie stark Writer – besonders in Städten wie München – von Repression betroffen sind und was es eigentlich inzwischen bedeutet, beim Sprayen erwischt zu werden – Stress, Geld, und noch mehr Stress.

Nun, in der Ausstellung zeigen dann Künstler_innen ihre Form von Street Art. Die Auswahl dieser Personen und Kunststile ist vielseitig und verschieden. Alle gewählten Künstler_innen haben ein gewisses gesellschaftliches Standing: Niemand würde zum Beispiel die Truly-Crew als „Schmierfinke“ betiteln oder ihre Kunst als „Schmiererei“, was sich doch alle Writer, die illegal einen Zug bemalt haben, früher oder später anhören müssten, wenn ihre Tat bekannt wäre – egal, wie gut sie malen.

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Das Werk der Truly-Crew.

Street Art wird in dieser Ausstellung von seiner befriedetsten Seite gezeigt. Natürlich haben die Künstler_innen oftmals politische Anliegen, auf die sie aufmerksam machen und ihre Arbeiten kann man trotzdem für gut, beeindruckend und wunderschön befinden. Aber es sind eben „makellose“ Bilder von Leuten, die teilweise für Geld Stadtwände verschönern und so unkommerzieller, freier Kunst den Raum nehmen.

Und natürlich ist einer solchen Ausstellung ein Widerspruch inhärent. Wir sprechen von „Street Art“, also von Straßenkunst. Sie trägt den Ort, an dem sie stattfindet, im Namen, wird aber durch eine solche Ausstellung ihrem Kontext entrissen. Street Art gehört aber nun einmal auf die Straße und alle Werke wären beeindruckender, wenn sie in dem Kontext blieben, in den sie eigentlich gehörten. So wird nämlich aus der Straßenkunst nur Kunst, die an künstliche Wände geheftet wurde. So richtig will das Bild einfach nicht stimmig werden.

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Herakut – Das Team transportiert viele politische Messages, aber die wären auf der Straße schöner, als in dem künstlichen Setting.

Es stellt sich auch die Frage, ob es eine Ausstellung zu Street Art braucht, wenn eine weitere Eigenschaft von Street Art ist, dass sie überall auffindbar ist. Die eigentliche Ausstellung befindet sich woanders. An der Münchner Stammstrecke, an tausenden Wänden der Stadt, in verlassenen Lagerhallen, auf Zügen, in U- und S-Bahn-Tunneln, sogar auf Mülleimern und Stromkästen. Aber diese Kunst will niemand sehen, denn sie ist ungehorsam und passt nicht in das Stadtbild des so sauberen Münchens.
Diese Stadt findet nach wie vor keinen Umgang damit, dass Kunst außerhalb von Ateliers und Galerien stattfinden kann. Und das, was sich der Ordnung der Stadt entzieht, wird leider nach wie vor bekämpft.

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Und auch dieser Zug wäre in echt und groß und vorbeifahrend noch schöner, denn als kleines Modell in einem weißen Raum.

Comics und Politik? „Kobane Calling“

Comics waren nie wirklich mein Medium… Ich habe in der fünften, sechsten und siebten Klasse ab und zu Manga-Hefte gelesen, mir die eine oder andere Zeitschrift gekauft, davor habe ich alle Asterix-Hefte gelesen, aber Bücher, in denen keine Bilder, dafür viele Wörter stehen, waren immer meine erste Wahl.
Umso mehr dachte ich, Comics sind irgendwie apolitisch – ein politischer Comic, was sollte das sein? Was soll denn da übermittelt werden, in dieser Form des Erzählens? Alles mögliche, aber sicherlich keine politischen Inhalte.

„Kobane Calling“ hat insofern meinen Blick auf Comics ziemlich verändert: In keinem Artikel einer Zeitschrift und auf keinem Blog habe ich mehr über Kobane erfahren, als durch diesen Comic. Auf ihn gekommen bin ich, als eine Veranstaltung in München mit dem Zeichner, Zerocalcare, stattgefunden und er von dem Comic und seiner Reise nach Kobane erzählt hat.

Der Comic hat eine ganz besondere Art und Weise, uns Kobane und das, was dort passiert, näher zu bringen, verständlicher zu machen. Es ist keine klassisch-linke Helden-Abenteuer-Erzählung, weil der Zeichner sich selbst als Hauptfigur im Comic vollkommen anders dargestellt hat. Er ist nicht der coole linke Typ, der nach Kobane fährt, um da „so richtig was zu reißen“, sondern ein Mensch, der sich während der gesamten Reise ständig fragt, warum er das macht, der von Zweifeln geplagt ist und der an vielen Punkten seiner Reise auch kaum Mut verspürt.

Außerdem transportiert das ganze Werk unglaubliche Begeisterung für das Projekt Rojava überhaupt, genauso wie es die ständige Konfrontation mit dem IS, die zu unbeschreiblicher Angst führt, auf besondere Art und Weise vermittelt und sie ins Bewusstsein der Lesenden rückt – durch Bilder, durch Zeichnungen, durch gekonnte Visualisierung. Gleichzeitig liest sich „Kobane Calling“ an vielen Stellen überaus witzig dadurch, wie der Zeichner sich darstellt und mit sich selbst ins Gericht geht.

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Bei der Veranstaltung hat Zerocalcare des Öfteren gesagt, dass er und seine Genoss_innen in Kobane wahnsinnig viel über sich selbst gelernt und reflektiert haben und alle, die dort waren, sich nach ihrer Rückkehr stark verändert hatten. Das ist auch im Comic deutlich spürbar, was eine andere Nähe zur_m Leser_in schafft: Weil man all die Ängste und Zweifel und Verhaltensweisen des Protagonisten durch die vorangegangene Reflexion, die immer auch ein Versuch der Abstraktion ist, sehr gut nachvollziehen kann, wirkt der Protagonist und seine Geschichte präsenter, erfahrbarer.

Viele Situationen auf seiner Reise werden erst durch Zerocalcares Visualisierung so eindrücklich, wie sie letztendlich bei der lesenden Person ankommen. Am Anfang habe ich gedacht, dass ein Comic nie so viel Eindringlichkeit, so viel Emotion, so viel Inhalt transportieren kann, wie ein geschriebenes Buch. Aber bei „Kobane Calling“ hatte ich viel mehr das Gefühl, dass gerade durch seine Form als Comic ganz andere, für den Zeichner wichtigere Aspekte dargestellt wurden, als dies nur mit Wörtern möglich gewesen wäre.

Ich würde euch aus diesen Gründen ganz eindringlich raten, den Comic zu lesen und so Zerocalcare auf seiner Reise zu begleiten und mitzufiebern. Erschienen ist „Kobane Calling“ im avant-verlag und dort kann man ihn auch bestellen. Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, öfter mal Comics zu lesen…