Magic City – eine Kunstform braucht ihren Kontext

In München findet im Moment eine Ausstellung mit dem Namen „Magic City“ statt. Das Thema ist Street Art im weitesten Sinne und das Setting, die Location, ist die kleine Olympiahalle.
Eigentlich wollte ich diese Ausstellung gar nicht besuchen, weil ich sie zutiefst widersprüchlich finde. Aber ich wollte wissen, ob sie tatsächlich so unreflektiert ist, wie ich sie mir vorstelle und hatte die Möglichkeit, ihr einen Besuch abzustatten. Man muss manchen Dingen ja durchaus eine Chance geben, um sie danach beurteilen zu können.

Am Anfang der Ausstellung wird ein Film gezeigt, der die Entstehungsgeschichte von Graffiti und Street Art zeigt, wobei Graffiti und Street Art irgendwie gemeinsam verhandelt werden, was problematisch ist.
Bei Street Art liegt der Fokus auf dem künstlerischen Aspekt, es ist ein sehr weiter Begriff für alle möglichen Formen von Kunst, die im urbanen Raum auftreten. Graffiti hingegen ist meiner Meinung nach ein Teil davon, der bestimmte Ausdrucksweisen und Codes besitzt. Graffiti ist beispielsweise meist illegal, wenn nicht bestimmte Flächen in Städten zum Malen legalisiert wurden. Auch die Entstehungsgeschichte von Graffiti spielt sich im Kontext der Illegalität ab.

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Daze – früher hat er U-Bahnen bemalt, dann kamen das Atelier und die normalen Wände.

Trotzdem ist die Darstellung der Geschichte einigermaßen korrekt: Wichtige Personen, wie Lady Pink werden benannt und gezeigt und auch die Kriminalisierung von Graffiti wird ganz deutlich thematisiert und hervorgehoben. Das war eine erste Befürchtung von mir, die nur in Teilen eingetreten ist: Dass nicht zur Genüge klar wird, wie stark Writer – besonders in Städten wie München – von Repression betroffen sind und was es eigentlich inzwischen bedeutet, beim Sprayen erwischt zu werden – Stress, Geld, und noch mehr Stress.

Nun, in der Ausstellung zeigen dann Künstler_innen ihre Form von Street Art. Die Auswahl dieser Personen und Kunststile ist vielseitig und verschieden. Alle gewählten Künstler_innen haben ein gewisses gesellschaftliches Standing: Niemand würde zum Beispiel die Truly-Crew als „Schmierfinke“ betiteln oder ihre Kunst als „Schmiererei“, was sich doch alle Writer, die illegal einen Zug bemalt haben, früher oder später anhören müssten, wenn ihre Tat bekannt wäre – egal, wie gut sie malen.

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Das Werk der Truly-Crew.

Street Art wird in dieser Ausstellung von seiner befriedetsten Seite gezeigt. Natürlich haben die Künstler_innen oftmals politische Anliegen, auf die sie aufmerksam machen und ihre Arbeiten kann man trotzdem für gut, beeindruckend und wunderschön befinden. Aber es sind eben „makellose“ Bilder von Leuten, die teilweise für Geld Stadtwände verschönern und so unkommerzieller, freier Kunst den Raum nehmen.

Und natürlich ist einer solchen Ausstellung ein Widerspruch inhärent. Wir sprechen von „Street Art“, also von Straßenkunst. Sie trägt den Ort, an dem sie stattfindet, im Namen, wird aber durch eine solche Ausstellung ihrem Kontext entrissen. Street Art gehört aber nun einmal auf die Straße und alle Werke wären beeindruckender, wenn sie in dem Kontext blieben, in den sie eigentlich gehörten. So wird nämlich aus der Straßenkunst nur Kunst, die an künstliche Wände geheftet wurde. So richtig will das Bild einfach nicht stimmig werden.

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Herakut – Das Team transportiert viele politische Messages, aber die wären auf der Straße schöner, als in dem künstlichen Setting.

Es stellt sich auch die Frage, ob es eine Ausstellung zu Street Art braucht, wenn eine weitere Eigenschaft von Street Art ist, dass sie überall auffindbar ist. Die eigentliche Ausstellung befindet sich woanders. An der Münchner Stammstrecke, an tausenden Wänden der Stadt, in verlassenen Lagerhallen, auf Zügen, in U- und S-Bahn-Tunneln, sogar auf Mülleimern und Stromkästen. Aber diese Kunst will niemand sehen, denn sie ist ungehorsam und passt nicht in das Stadtbild des so sauberen Münchens.
Diese Stadt findet nach wie vor keinen Umgang damit, dass Kunst außerhalb von Ateliers und Galerien stattfinden kann. Und das, was sich der Ordnung der Stadt entzieht, wird leider nach wie vor bekämpft.

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Und auch dieser Zug wäre in echt und groß und vorbeifahrend noch schöner, denn als kleines Modell in einem weißen Raum.
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Comics und Politik? „Kobane Calling“

Comics waren nie wirklich mein Medium… Ich habe in der fünften, sechsten und siebten Klasse ab und zu Manga-Hefte gelesen, mir die eine oder andere Zeitschrift gekauft, davor habe ich alle Asterix-Hefte gelesen, aber Bücher, in denen keine Bilder, dafür viele Wörter stehen, waren immer meine erste Wahl.
Umso mehr dachte ich, Comics sind irgendwie apolitisch – ein politischer Comic, was sollte das sein? Was soll denn da übermittelt werden, in dieser Form des Erzählens? Alles mögliche, aber sicherlich keine politischen Inhalte.

„Kobane Calling“ hat insofern meinen Blick auf Comics ziemlich verändert: In keinem Artikel einer Zeitschrift und auf keinem Blog habe ich mehr über Kobane erfahren, als durch diesen Comic. Auf ihn gekommen bin ich, als eine Veranstaltung in München mit dem Zeichner, Zerocalcare, stattgefunden und er von dem Comic und seiner Reise nach Kobane erzählt hat.

Der Comic hat eine ganz besondere Art und Weise, uns Kobane und das, was dort passiert, näher zu bringen, verständlicher zu machen. Es ist keine klassisch-linke Helden-Abenteuer-Erzählung, weil der Zeichner sich selbst als Hauptfigur im Comic vollkommen anders dargestellt hat. Er ist nicht der coole linke Typ, der nach Kobane fährt, um da „so richtig was zu reißen“, sondern ein Mensch, der sich während der gesamten Reise ständig fragt, warum er das macht, der von Zweifeln geplagt ist und der an vielen Punkten seiner Reise auch kaum Mut verspürt.

Außerdem transportiert das ganze Werk unglaubliche Begeisterung für das Projekt Rojava überhaupt, genauso wie es die ständige Konfrontation mit dem IS, die zu unbeschreiblicher Angst führt, auf besondere Art und Weise vermittelt und sie ins Bewusstsein der Lesenden rückt – durch Bilder, durch Zeichnungen, durch gekonnte Visualisierung. Gleichzeitig liest sich „Kobane Calling“ an vielen Stellen überaus witzig dadurch, wie der Zeichner sich darstellt und mit sich selbst ins Gericht geht.

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Bei der Veranstaltung hat Zerocalcare des Öfteren gesagt, dass er und seine Genoss_innen in Kobane wahnsinnig viel über sich selbst gelernt und reflektiert haben und alle, die dort waren, sich nach ihrer Rückkehr stark verändert hatten. Das ist auch im Comic deutlich spürbar, was eine andere Nähe zur_m Leser_in schafft: Weil man all die Ängste und Zweifel und Verhaltensweisen des Protagonisten durch die vorangegangene Reflexion, die immer auch ein Versuch der Abstraktion ist, sehr gut nachvollziehen kann, wirkt der Protagonist und seine Geschichte präsenter, erfahrbarer.

Viele Situationen auf seiner Reise werden erst durch Zerocalcares Visualisierung so eindrücklich, wie sie letztendlich bei der lesenden Person ankommen. Am Anfang habe ich gedacht, dass ein Comic nie so viel Eindringlichkeit, so viel Emotion, so viel Inhalt transportieren kann, wie ein geschriebenes Buch. Aber bei „Kobane Calling“ hatte ich viel mehr das Gefühl, dass gerade durch seine Form als Comic ganz andere, für den Zeichner wichtigere Aspekte dargestellt wurden, als dies nur mit Wörtern möglich gewesen wäre.

Ich würde euch aus diesen Gründen ganz eindringlich raten, den Comic zu lesen und so Zerocalcare auf seiner Reise zu begleiten und mitzufiebern. Erschienen ist „Kobane Calling“ im avant-verlag und dort kann man ihn auch bestellen. Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, öfter mal Comics zu lesen…

„dabei geblieben“ – Rehzi Malzahn (review)

file-15-02-2017-08-40-04Wenn man politisch aktiv ist, fängt man irgendwann mal an sich zu fragen, ob das für immer so weitergeht. Man sieht die Leute um sich herum: Sie sind teilweise älter, teilweise jünger. Sie gehen Beziehungen ein, beginnen in festen Beschäftigungsverhältnissen zu arbeiten, bekommen Kinder, und sind meistens weg, sobald eines der drei Dinge passiert.
Ich sage mir ständig, wenn wieder eine Person wegfällt: So wirst du nicht.
Aber manchmal zweifle ich daran. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich einfach mit allem arrangieren, so wie es ist. Wenn es mir nicht so gut geht oder ich viel Stress habe. Und dann denke ich: Ohje, sag sowas nicht, sonst fällst du raus.

2015 kam das Buch von Rehzi Mahlzahn raus, es heißt „dabei geblieben“. Darin geht es um diejenigen, die nicht rausgefallen sind, die älter als 30 Jahre und immer noch aktiv sind. Wobei „aktiv“ dabei die unterschiedlichsten Formen von Aktivismus umfasst: Antifa, Gewerkschaftsarbeit, Antira, Feminismus, Aktivismus im Job, usw. Die Geschichten der einzelnen Aktiven sind in Interviewform erzählt und es geht meist um ähnliche Fragen: Was macht die Person und warum? Was ist ihr Antrieb? Wo in ihrem Leben gab es Brüche? Wie kam es dazu, dass sie dabeibleibt? Und wie sieht sie sich selbst, wie bezeichnet sie sich auch selbst? Was hält sie für ausschlaggebend, um dabei zu bleiben?

Das Buch hat mir unglaublich weitergeholfen, weil es auch in mir neue Fragen aufgeworfen hat. Und weil es meinen Blick geschärft hat für die Option, dass man auch mit 40 oder 50 oder 60 nicht in einem Einfamilienhaus am Rande der Stadt wohnen muss, sondern mitmischen kann. Gleichzeitig ging es an vielen Punkten auch darum, dass viele irgendwann den Kontakt zu den jüngeren Leute in der Szene verlieren oder nicht gut halten können und sich deshalb in der Szene auch nicht mehr ganz so wohl fühlen. Ich bin zwar noch nicht soweit, aber ich bemerke trotzdem, dass doch manche ältere Leute in der Szene nicht mehr so ernst genommen und teilweise seltsam beäugt werden.

Die Autorin hält sich selbst in den Interview sehr zurück, was ich mochte, weil die Leute so viel freier erzählt haben und unterschiedliche Schwerpunkte setzen konnten. Besonders ein Gruppengespräch am Ende fand ich spannend, weil sich dort eine interessante Diskussion um Selbstbeschreibungen entwickelt hat, die, glaube ich, sehr viele Anknüpfungspunkte zum Weiterdenken gibt. Und besonders aufgefallen ist mir die unterschiedliche Konnotation des Begriffes der_s Aktivist_in. Manche lehnen es aus verschiedenen Gründen ab, sich selbst so zu bezeichnen, für manche ist es durchaus ein Begriff, mit dem sie sich arrangieren können. Insgesamt hat mich das Buch dazu gebracht, viel über Konzepte von mir selbst als politisch Aktive nachzudenken.

Deshalb möchte ich euch empfehlen, das Buch zu lesen. Auch wenn ihr euch nicht direkt als „aktiv“ begreift, ist es trotzdem eine sehr spannende Lektüre, auch, weil viel Geschichte über politische/soziale Bewegungen in Deutschland aufgegriffen wird. Das Buch bietet sich super an zum ab und zu hineinschauen und stöbern, mal hier ein Interview lesen und mal da. Und letztendlich kann man sich ja auch mal an die eigene Nase fassen und überlegen, welche Leute im eigenen Umfeld eigentlich solche Geschichten zu erzählen hätten und wie die Leute das gemacht haben mit dem dabeibleiben.

Recommending: Martha

It’s the story of
A lonely kid who fell in love
When you spray painted ‘ACAB’ on the wall
Of the local village hall“ – Curly & Raquel, Martha

a3068623356_10A few weeks ago a friend of mine showed „Present, Tense“ by the band Martha to me. I was thrilled, so I listened to the album „Blisters In The Pit Of My Heart“ (2016) – and after that to „Courting Strong“ (2014). Normally a week later I would’ve got enough of them, but that wasn’t the case. Still, everytime I listen to their recent album I love it.

First, musical features: I would say the genre of Martha is something between Punk and Indie Pop (but I’m not an expert on categorizing music). Their songs often consist of catchy, but not boring melodies. It’s various, sometimes they work with simple earworm-material and plain beats, sometimes you’ll listen to quiet songs, basically vocals attended by one acoustic guitar.

Contentual Martha is a political band, full of discontent and unrest. Their message sometimes may seem to be hidden between emotional lines, but actually I think those emotional lines are the best way to express what needs to be said. A painful individual meets a cold-blooded reality, full of injustice and discrimination. So, the emotions in Martha’s songs are highly political!

The album „Blisters In The Pit Of My Heart“ includes a very diverse range of feelings and topics and a even more diverse range to express those. A huge spectrum of conditions can be found in the different songs – I think in one or another line you’ll find yourself.

Especially I want to recommend the songs „Curly & Raquel“ (from which the quote above is extracted) and „St. Paul’s (Westerberg Comprehensive)“. Both very different from each other, both meaning- and powerful!

They wrote a letter to your parents
They caught you kissing on the bus
But when they asked you said nothing
Those lines are not for crossing
The damage has been done“ – St. Paul’s (Westerberg Comprehensive), Martha

Nebel im August (review)

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Von: http://www.nebelimaugust.de

Ein älterer Mann sitzt in einer Runde älterer, weißer Männer. Er lässt sie einen Brei aus Gemüse essen, die Männer verziehen das Gesicht. Sie wissen noch nicht, wozu diese Nahrung einmal dienen soll. Der Mann, der die Suppe in den Raum bringen ließ, hat sie erfunden, damit Menschen sterben, während sie essen.

Diese Szene stammt aus dem Film „Nebel im August“ von Kai Wessel. In diesem Film wird der Junge Ernst Lossa als widerspenstig und „asozial“ eingestuft, weshalb er in die „Heilanstalt“ Irsee verlegt wird. Den Begriff der Heilanstalt in diesem Kontext zu verwenden, ist ein zynischer Euphemismus, denn – wie Ernst bemerkt – geheilt wird dort niemand. Mögen die Nationalsozialist_innen im Film auch von „Erlösung“ gesprochen haben, letztendlich geschah mit den Menschen dort nur eines: Sie wurden ermordet.
Der Film hat eine Figur als Protagonisten, die es wirklich gab: Ernst Lossa wurde im Nationalsozialismus als „Zigeuner“ kategorisiert und als solcher verfolgt. In der Heilanstalt Irsee wurde er 1944 mithilfe einer Giftspritze umgebracht.

Über diesen Film kann ich aufgrund mehrerer Aspekte sagen, dass er schlichtweg grandios und absolut sehenswert ist!
Was positiv auffällt ist die Erzählung der historischen Ereignisse. Die Macher_innen beschönigen nicht, der Mord an den Menschen in der Heilanstalt wird als das dargestellt, was er war, weder Erlösung, noch „Euthanasie“. Die Nazis heucheln zunächst eine abstruse Form der „Logik“ hinter ihren Morden, in dem sie behaupten, „arbeitsunfähige“ Menschen würden „erlöst“, doch auch dieses Muster wird bald von reiner Willkür abgelöst.
Dieser Übergang ist besonders gut gelungen, genauso wie die Darstellung der Steigerung der „Effizienz“ im Töten. Töten die Nazis die Ausgewählten zunächst mit Giftspritzen, folgt bald danach das Essen, das ich anfangs beschrieb. Durch das mehrere Stunden gekochte Gemüse bleiben keine Nährstoffe mehr im Gemüse, wodurch die Patienten verhungern, während sie essen, wie es der Nazi und Klinikdirektor ausdrückte. Dadurch wurden immer mehr Menschen zu Tode gehungert. Zuvor hatte eine Krankenschwester namens Edith den Kindern vergifteten Himbeersaft gegeben.

Die Figur der Krankenschwester ist im Film herausragend gezeichnet. Dort ist eine Frau ganz deutlich als eigenständige Täterin, Mörderin zu sehen, die von der nationalsozialistischen Ideologie vollkommen überzeugt ist und selbstverantwortlich handelt. Damit zeigen die Macher_innen, dass Frauen im Nationalsozialismus genau so überzeugte Nazis sein konnten und keinesfalls Mitläuferinnen waren.

Was die Klinikinsass_innen angeht, sind dort sehr viele verschiedene Menschen repräsentiert, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Wie am Beispiel Ernst Lossa deutlich wird, waren das nicht ausschließlich Menschen, die als geistig oder körperlich „krank“ eingestuft wurden, sondern ebenso Personen, die die Klassifizierung der „Asozialen“ erfuhren oder aus anderen Gründen im Heim saßen. Das zeigt ein weiteres Mal auf furchtbare Art und Weise, nach welchen abstrusen Mustern die Personen ausgewählt wurden, die zu sterben hatten. Oft waren es simple Launen des Klinikdirektors und immer natürlich die Ideologie der Nazis.
Viele der in Irsee Eingesperrten wurden als eigenständige, fühlende Menschen dargestellt, doch manchmal wurden die Personen im Film auch als übertrieben „hilflos“ und apathisch dargestellt, was mich an einigen Stellen gestört hat.

Insgesamt schafft es der Film, ein in der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen völlig unterrepräsentiertes, nach wie vor oft totgeschwiegenes Thema aufzugreifen und reif und überlegt damit umzugehen: Die Ermordung von Menschen mit Behinderung und solcher, die als „asozial“ galten. Gerade, dass eine historische Figur als Protagonist gewählt wurde und dadurch diese Geschichte so authentisch nacherzählt wurde, fand ich sehr wichtig an der Verfilmung. Auch die Informationen über den Verbleib des Klinikdirektors oder der Krankenschwester nach 1945, die vor dem Abspann gezeigt werden, verdeutlichen noch eine ganz andere Facette des NS: die fehlende Aufarbeitung des Nationalsozialismus danach und damit zusammenhängend das Scheitern der Entnazifizierung.

Girl Power Movie (review)

This is the first film review I publish during participating at #52filmsbywomen. I don’t know yet if I’ll write a detailed review about every film, but I’ll try to write about as many as possible.

A young person is sitting on a sofa. She has long brown hair and is wearing a cap. Her face is hooded, only the eye area is visible. She’s looking out of the window, saying: „I’m not a graffiti girl. I’m a graffiti writer. That’s it.“

Girl Power is a documentary about female graffiti writers. I got to watch it at the Unerhört! Filmfestival 2016 in Hamburg, where the movie was screened at B-Movie cinema (a very nice, small cinema by the way).
For me the film is highly political: doing Graffiti is dangerous as hell. Even more, when you do political Graffiti!
Also, the graffiti scene all over the world is male dominated and women are confronted with striking sexism. Graffiti is not only about drawing and writing, the most time you spend planning, trying to get to your spot and watching it. So, Graffiti has much to do with body and strength. Things men often think they have the monopoly on, especially inside the graffiti scene.

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Because of that Girl Power is a exceptional important movie, because it makes women in the graffiti scene visible. It shows women who do graffiti, women who do highly good graffiti (as you can see in the film). I really like that Sany (writer and the director of the film) showed so many scenes where the action of writing is taking place, where a piece is kicked by one, two or more women. Also you get to see the „other world“: working life and privacy of Sany and her film crew, trying to meet women in different cities, trying to raise money for the film and everything.
And that is important: showing people outside the graffiti scene what it means to be a writer. And in case of Sany and so many other writers out there it means to give up much. During her work on the film she gets into financial trouble, people tell her she’s changing and stuff like that, but she’s making the film anyway. While watching the movie you get to know the two lives a writer lives and I think it can help understanding why people are doing graffiti and why people are so thrilled about it.

But more political statements in the film would’ve been cool. When you watch the trailer there are those really awesome political statements like the one I quoted in my introduction. But the film doesn’t expand on the topic of femininity in the graffiti scene, the problem of being confronted with guys who think women can’t be writers. There is one scene where men are shown talking about women inside the scene in a very sexist way, but other kinds of struggling with sexism and patriarchy are not really well-elaborated. So, it may would have been helpful for the audience to get a better idea of masculinity and its „importance“ inside the graffiti scene.

On the other hand it’s pretty cool that the whole film is not dominated by sexist, male sights, but by the action of women who are doing their thing. Especially Lady Pink and Utah are very impressive people for me. Lady Pink, because she has a key part in the history of Graffiti. She was the first prominent female writer and also – as you can see in the film – she was one of the first people tagging and writing on subways.
Utah is the person I quoted in the beginning and I think her attitude is exciting and admirable. As she says it’s important to her that she is called a „graffiti writer“. She doesn’t want another label for her and her work because of her gender.
So it’s not something bad if female writers point out that they are women, but I liked her calling herself the same way as everybody would call any male writer. For me that’s a form of resistance against a male-dominated, sexist scene (as well as pointing out femininity).

Basically the film does his job: showing female writers all over the world doing graffiti, alone or as a crew. Sometimes I wished for more of those scenes and a reduction of scenes regarding the framework plot. But I can understand why the framework plot got so many space, so I was happy about these scenes, too. I’d really like to recommend the film, especially to those who are interested in graffiti, but who don’t know much about it yet. There is very few graffiti slang which makes it easy to understand.

And thanks again to Sany, who even came to the screening to answer questions and talk to the audience. That was a really cool evening experience.

Bullet Journaling

Ich bin zugegebenermaßen ein ziemliches Planungsmonster. Ich brauche für alles einen Plan, eine Liste und will man mich irgendwo antreffen, muss man das früh genug mit mir absprechen, denn Spontaneität ist leider etwas, das ich noch lernen muss (wobei ich Fortschritte mache).
Nun gab es für mich immer das Problem, dass ich nicht so richtig wusste, wie ich mich organisieren sollte. Ich hatte einen Kalender, vier Notizbücher und bestimmt mehr als 50 Listen, die als Zettelwirtschaft vor sich hin flogen. Bei allen Kalendern, die ich bisher hatte, hat mich irgendetwas gestört, meistens die Platzaufteilung.

Vor einiger Zeit habe ich dann bei ze.tt von Bullet Journaling gelesen und dachte mir, das sollte ich ausprobieren. Bullet Journaling wurde von Ryder Carroll entwickelt, der während seiner Schulzeit immer Notizen hatte, mit denen er letztendlich nichts anfangen konnte. Also hat er eine eigene Art und Weise entwickelt, zu planen und seine Notizen zu organisieren: Das Bullet Journal. Als er seinen Blog eröffnet hat, hat sich Bullet Journaling relativ schnell herumgesprochen, inzwischen gibt es massenhaft Blogs und Videos darüber, wie Leute ihr Bullet Journal führen.

Das Schöne daran ist, dass das Bullet Journal genau so funktioniert, wie der_die Benutzer_in es will, denn er_sie hat es selbst entworfen. Viele Leute gestalten ihre Bullet Journals wunderschön, kleben Bilder ein, zeichnen, denken sich tolle Schriften und Design-Elemente aus. Andere brauchen wiederum ein clean gehaltenes Bullet Journal, wo alles Wichtige auf den ersten Blick sichtbar ist und alles seine klare Struktur hat.

Ich persönlich mag einen Mix aus beidem. Seit etwa zweieinhalb Wochen probiere ich Bullet Journaling aktiv aus und bisher bin ich super glücklich damit. Ich versuche neue Schriften zu lernen und adaptiere viel von anderen (Tumblr-)Blogs, von Pinterest-User_innen und so weiter. Besonders mag ich Bullet Journal Escapades, ein Tumblr-Blog, der superviel Inspiration gibt und wahnsinnig schöne Bilder hat.

Viele Basics habe ich übernommen, also Index (Inhaltsverzeichnis), Monthly Log (eine Monatsübersicht), Daily Log (zwei Seiten pro Woche für alle sieben Tage) und einige Elemente aus dem Key (die Art, wie die unterschiedlichen Inhalte gekennzeichnet werden). Ich versuche, keinen Monat gleich zu gestalten, weil ich bisher noch nicht die für mich perfekte Version gefunden habe und vielleicht die Abwechslung ja auch am besten passt. Ich habe alle meine Listen in das Bullet Journal übertragen, von meinen Urlaubsplänen über mein „To Read“, meine Netflix-, Movies- oder Wunschliste. Sämtliche Projekte sind dort hinein gewandert, auch dieser Blog hat eine Seite zum Brainstormen bekommen. Mein Bullet Journal funktioniert bisher genau so, wie ich es will und das war immer das, worauf es mir ankam.

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Kleiner Einblick in mein September-Log

Zweifellos darf man das Ganze nicht unkritisch betrachten: Was man damit macht, ist letztendlich sich selbst total zu verwalten. Carroll beispielsweise hat in seinem Bullet Journal Food-Tracking integriert und schreibt sich auf, was er gegessen hat. Ich finde die totale Überwachung von eigenen Verhaltensweisen irgendwie fatal, weil man so Zwänge, die eine_n oft leiden lassen, leichter unterstützen und ausbauen kann. Klar, alle können das machen, wie sie wollen, für mich wäre aber beispielsweise ein Foodtracker ganz furchtbar.
Ich habe, um ehrlich zu sein, auch eine Seite in meinem Journal, die ich „Habit Tracker“ nenne (was auch viele andere Bullet Journalists tun). Dort hake ich alle zwei Tage ab (aber erst ab Oktober), ob beispielsweise mein Schreibtisch sauber ist, ob ich gefrühstückt habe oder einfach anderes erledigt habe, was ich eigentlich gerne immer schaffen würde. Bei mir soll der Habit Tracker dafür verantwortlich sein, dass ich Dinge mache, die mir Spaß machen, aber oft runterfallen bei allem Alltagsstress und -zwang. Er soll dazu dienen, einiges zu entschleunigen und dafür zu sorgen, dass ich mich wohler fühle (auch zuhause).

Gleichzeitig muss man sagen, dass Carrolls Anspruch an das eigene Projekt, produktiver zu sein, mehr zu schaffen usw. natürlich eine Haltung ist, die in neoliberalen kapitalistischen Verhältnissen entsteht. Ich kann mich davon auch nicht freisprechen, weil ich oft das Gefühl habe, ich muss mich irgendwie mehr „aktivieren“, dabei mache ich schon wahnsinnig viel. Insofern sollte ich in meinem Bullet Journal noch mehr auf Entschleunigung setzen, als ich es bisher tue. Bullet Journaling klingt nach einem neoliberalen Projekt, ist es aber nur dann, wenn man es zu einem werden lässt (der Vorteil von diesem DIY-Aspekt).

Die Blogs, die mir so bekannt sind, machen dies ziemlich oft. Mit Bullet Journaling scheinen überwiegend Studierende zu arbeiten (oder zumindest diese stellen es ins Internet), die das tun, um mehr zu lernen, mehr Sport zu machen, mehr zu schaffen, von allem irgendwie einfach nur mehr zu tun (esseidenn es sind in ihren Augen schlechte Eigenschaften, dann natürlich weniger). Insofern dient es irgendwie nur der kapitalistischen Selbstoptimierung.

Ich mache es letztendlich bisher so unglaublich gerne, weil es mir damit besser geht einen Überblick über Aufgaben, Pläne und Termine zu behalten und irgendwie alles Mögliche an einem einzigen analogen Ort zu organisieren. Ich habe zwar trotzdem noch das ein oder andere Notizbuch, das sind aber alles Projekte für sich, die nur aus Fließtexten bestehen. Bisher bezweifle ich, dass ich dadurch produktiver werde, das ist auch nicht mein Anspruch daran. Mein Anspruch ist eher Überblick, weil ich ohne Überblick manchmal in handfeste Krisen schlittere. Und mir macht die Gestaltung ziemlich viel Spaß, auch wenn ich ansonsten eher nicht so der Mensch für Zeichnen, Schönschrift und gestalterische Fertigkeiten bin.

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Meine Movie-Liste auf der linken Seite als etwas unbeholfene Film-Streifen und meine Serien-Liste

Falls ihr aber Fans von Überblick seid und den Drang verspürt (besser) zu planen, könnt ihr das ja mal probieren. Die Lösung aller Probleme ist es nicht und man muss aufpassen, dass man das Teil nicht zu einer Selbstkontrollmaschine werden und es in Stress ausarten lässt, aber prinzipiell kann es bei vielem helfen. Eine gute Hilfe beim Anfang ist in jedem Fall das Youtube-Tutorial von Carroll: